Neben dem Hauptinstrument Klavier spielen die Streicher im Henle-Katalog von jeher eine große Rolle. Bereits unter den ersten Veröffentlichungen des Hauses aus den 40er Jahren finden sich mit Beethovens Cellovariationen und Violinsonaten (HN 5 und HN 7/8, beide inzwischen natürlich nach der Neuen Beethoven-Gesamtausgabe revidiert) Standardwerke des Streicherrepertoires, das in den folgenden sechs Jahrzehnten von Bach bis Berg systematisch ausgebaut wurde.  (Wie übrigens auch an unseren 13 Video-Interviews mit 13 international renommierten Geigern zu 13 großen Violinwerken abzulesen ist.) Der Kontrabass hingegen kam erst mit dem neuen Jahrtausend zu Henle, und  das hat viele Gründe …

Dreisaitiger Kontrabass

Dreisaitiger Kontrabass

Denn mit dem Kontrabass ist es in vieler Hinsicht ein ganz eigen Ding: Zunächst einmal ist er dank seiner tiefen Lage nicht unbedingt zum Solisten geboren – erst im 19. Jahrhundert mauserte er sich dank experimentierfreudiger Musiker zu einem virtuosen und brillanten Instrument mit eigener Solo-Literatur. Hinzu kommt, dass der Kontrabass  viel weniger „standardisiert“ war – und bis heute ist – als Geige, Bratsche oder Cello. Er variierte in Größe, Form und Besaitung, die  drei, vier oder fünf Saiten des Instruments wurden je nach Schule oder Repertoire in unterschiedlicher Weise gestimmt und mit konvexen oder konkaven Bögen in Unter- oder Obergrifftechnik gespielt.

Viersaitiger Kontrabass

Viersaitiger Kontrabass

Folglich waren für ein bestimmtes Instrument entstandene Werke nicht ohne weiteres von einem anderen Musiker auf einem anderen Instrument oder mit einer anderen Technik zu realisieren  – nicht die besten Voraussetzungen, um ein Standard-Repertoire in einheitlichen Druck-Ausgaben weit zu verbreiten! So ist es auch kein Wunder, dass  viele Kontrabass-Werke nur in Bearbeitungen kursierten und selbst von berühmten Kontrabass-Komponisten wie Domenico Dragonetti, dessen größtenteils in der British Library (London) aufbewahrte musikalische Hinterlassenschaft dort zig Bände umfasst, kaum gedruckte Ausgaben vorliegen.

Die für Henle obligatorische „praktische Urtext-Ausgabe“ gleicht da bei einer Kontrabass-Komposition manchmal geradezu der Quadratur des Kreises: denn einerseits soll der originale Text der Komposition erkennbar, zugleich aber auch die Spielbarkeit auf dem modernen Instrument gewährleistet sein. Da braucht man als Herausgeber schon einen so versierten Musiker und begeisterten Philologen wie Tobias Glöckler, der für unsere Kontrabass-Ausgaben verantwortlich zeichnet.

Auf seine Initiative hin haben wir schon die „Wiener“ Konzerte von Dittersdorf (HN 759) oder Hoffmeister (HN 721) in Urtext-Ausgaben vorgelegt, die neben der historischen „Wiener Stimmung“ des Instrumentes auch die moderne Orchester- und Solostimmung berücksichtigen – was unter anderem zur Folge hat, dass der Klavierauszug dieser Konzerte gleich zweimal abgedruckt wird, da die Solostimmung eine um einen Ton nach oben transponierte Begleitung verlangt. Und auch die Solostimme wird dank der verschiedenen Stimmungsvarianten schnell etwas umfangreicher, weswegen man in unserer Dittersdorf-Ausgabe gleich einen Fahrplan für die verschiedenen möglichen Kombinationen findet.

Beim gerade in Vorbereitung befindlichen Famous Solo in e minor von Dragonetti (HN 1198) liegt der Fall wieder anders: Von diesem berühmten Konzertstück für Kontrabass und Orchester existiert eine Unzahl von Abschriften und Bearbeitungen. So mussten aus dem Wust der Überlieferung erst einmal die autorisierten Werkfassungen herausgeklaubt werden, und dabei trat eine von Dragonetti selbst in Stimmen ausgeschriebene Bearbeitung des Famous Solo für Kontrabass und Streichquartett zutage.

Domenico Dragonetti (1763-1846)

Domenico Dragonetti (1763-1846)

Diese exquisite Quintettfassung wollten wir der musikalischen Welt nicht vorenthalten und konzipierten sogleich eine Doppelausgabe: Klavierauszug der Orchesterfassung (natürlich in zwei Transpositionen für Orchester- und Solostimmung) und Stimmen der Quintettfassung. Aber es waren noch weitere Entscheidungen zu fällen, denn Dragonettis Stimmen sehen für das Begleitquartett nicht zwei Violinen, sondern zwei Violen vor. Diese heute ungewöhnliche Besetzung war damals zwar nicht unüblich, aber in unseren speziellen Fall regten sich Zweifel: Denn warum überschreibt Dragonetti die Violinstimme mit „Violino Primo“, wenn es keine zwei Violinen gibt – und wie sind die auffällig zahlreichen Transpositionsfehler in der Viola I zu erklären?

Ausschnitt der Violino Primo-Stimme zu Dragonettis "Famous solo in e minor"

Ausschnitt der Violino Primo-Stimme zu Dragonettis "Famous solo in e minor"

Beides lässt sich als Indiz für eine ursprünglich klassische Besetzung mit zwei Violinen deuten, weswegen unser Herausgeber Tobias Glöckler sich dafür einsetzte, diese auch in der Ausgabe zu rekonstruieren. So bieten wir die Quintettfassung nun in der Besetzung für Kontrabass und klassisches Streichquartett.  Aber wo bleibt da der Urtext? In diesem Fall im Internet, wo wir für die Bratscher dieser Welt unter www.henle.de die beiden originalen Violastimmen veröffentlichen werden. So enthält unsere Ausgabe hoffentlich für jeden Praktiker das Richtige – und dokumentiert doch die Quellenlage, wie es sich für eine Urtext-Edition gehört.

P.S.: Mit unserem Famous Solo leisten wir übrigens auch einen Beitrag zur  Wiederentdeckung von Dragonettis konzertanten Werken. Denn fatalerweise ist er vielen nur durch jenes Kontrabass-Konzert bekannt, das ihm 1925 von dem Bassisten Edouard Nanny erfolgreich unterschoben wurde. Aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der weiten Welt der tiefen Lage …

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Eine Antwort auf »Höchste Zeit für die tiefe Lage«

  1. Orin O'Brien sagt:

    Der Dank der Kontrabass-Welt gebührt Tobias Glöckler für sein wissenschaftliches Engagement und dem Henle Verlag für die Veröffentlichung dieser und kommender Werke. Diese Ausgaben machen es professionellen Musikern und Studenten gleichermaßen leicht, die Kompositionen zu studieren, das Material zu vergleichen und daraus die beste Art zu wählen, wie diese schwierige und schöne Musik zu spielen ist. Danke schön! Orin O’Brien

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