Im Mai und Juni 1931 komponierte Sergej Rachmaninow seine berühmten und vielgespielten „Variationen auf ein Thema von Corelli“ op. 42 für Klavier. Nur: Das Thema ist nicht von Corelli! Und wie nennen wir das Kind nun? Vielleicht besser „La Folia“-Variationen …

Kennengelernt hatte Rachmaninow das Thema seiner Variationen vermutlich durch Arcangelo Corellis Sonaten op. 5, die Sonate a Violino e Violone o Cimbalo, die 1700 in Rom erschienen waren und rasch Verbreitung gefunden hatten. In Corellis Opus findet sich nach elf Sonaten als letztes Werk das dort als „Follia“ bezeichnete und von Rachmaninow übernommene Thema mit 24 Variationen:

Corelli "La Follia&quot-Thema

Corelli "La Follia"-Thema

Anders jedoch als Rachmaninow zunächst vermutete, war das Thema keine Erfindung des italienischen Komponisten. Insofern ist der bis heute etablierte Populärtitel „Corelli-Variationen“ für Rachmaninows Opus 42 nicht ganz korrekt. Ein „Folia“ genannter, wild-lärmender portugiesischer Tanz lässt sich bereits Ende des 15. Jahrhunderts nachweisen. Um dieselbe Zeit entwickelte sich außerdem eine harmonisch-melodische Formel gleichen Namens, die mit der Wildheit des Tanzes jedoch nicht mehr in Verbindung gebracht werden kann. Sie erfreute sich in den folgenden Jahrhunderten – in ständiger Abänderung – großer Beliebtheit und fand insbesondere als Thema für Variationenwerke Verwendung. Einen Eindruck dieser Popularität vermittelt die fantastische Datensammlung der Website „la folia, a musical cathedral“, dort besonders die chronologische Liste der bekannten Variationen-Vertonungen.

Vielleicht machte Fritz Kreisler – Rachmaninows Freund, Duo-Partner und Widmungsträger von Opus 42 – den Komponisten mit Corellis „Folia“-Komposition bekannt. In seiner Publikationsreihe Klassische Manuskripte für Violine und Klavier hatte Kreisler 1927 eine eigene Ausgabe der Variationen aus Corellis Opus 5 vorgelegt.

Denkbar ist auch, dass Rachmaninow über den populären französischen Titel „Folies d’Espagne“ mit der „Folia“ in Berührung kam. Franz Liszt hatte das musikalische Material unter diesem Namen in seiner Rhapsodie espagnole verwendet – einem Werk, das Rachmaninow 1923/24 einspielte (die Aufnahme aber nie zur Veröffentlichung freigab):

Liszt Rhapsodie espagnole

Liszt Rhapsodie espagnole

Dass das Thema nicht von Corelli stammte, erfuhr Rachmaninow erst durch eine Konzertkritik zu seinem Recital in der Carnegie Hall am 7. November 1931. Daraufhin sah er sich gezwungen, den ursprünglich geplanten und auf der erhaltenen Stichvorlage notierten Titel „Variations pour piano sur un thème de Corelli ‚La Folia‘“ zu ändern. In der um die Jahreswende 1931/32 erschienenen Erstausgabe lautet der Umschlag- und Innentitel schlicht „Variations“. Dennoch: Corelli war und blieb die Inspirationsquelle und der Kopftitel von Op. 42 stellt den Bezug zu Rachmaninows eigentlicher Themenquelle sicher bewusst wieder her:

Rachmaninow Corelli-Variationen

Rachmaninow Corelli-Variationen

Zum Abschluss eine Empfehlung, Vladimir Ashkenazy in diesem beeindruckenden Mitschnitt! Interessiert danach noch jemanden, ob das Werk nun Corelli- oder La Folia-Variationen heißt?

Dieser Beitrag wurde unter Montagsbeitrag abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf »Corelli, La Folia und Rachmaninows Variationen op. 42«

  1. Wolfgang Merkes sagt:

    Das ist aber doch eine altbekannte Tatsache, dass das Thema von “La Follia” nicht von Corelli stammt, sondern vor ihm schon von vielen anderen Komponisten zu Variationen benutzt wurde. Insofern ist es nur eine Unkorrektheit Rachmaninows. Mir fällt da das berühmte “Adagio von Albinoni” ein, das auch nicht von Albinoni stammt (ein paar Basstöne vielleicht), aber immer noch unter diesem Namen verkauft wird…

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Sie können folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>