n einem kleinen Seitental des Olymp schmiegte sich einst ein musikalisches Kleinod an den Götterberg. Kein Odysseus, kein Herakles kam auf einer Irrfahrt oder Prüfung je durch dieses barocke, klassische, romantische Refugium; noch nicht einmal der alte Homer ließ es von seiner Muse besingen. Ob sich jedoch Xerob von Kopyrien mit seiner Anmerkung „Ιχη ωανδερτε εινστ δυρχη φενεσ ωερβοργενε Ταλ.“ (In: Ωανδερν, Athen u. a. 752 v. Chr., Papyrus 7) hierauf bezog, ist unter Fachleuten stark umstritten.
Warum weiß man so wenig über dieses Tal? – Nun, dort lebte ein kleines Völkchen, Henliden genannt, das unermüdlich, schon fast in sisyphosker Manier, Tag für Tag an seiner Bestimmung arbeitete: dem Urtext. Göttervater Zeus selbst gab ihn in Auftrag und hüllte anschließend den Mantel des Schweigens über das Tal. Diesmal jedoch nicht (wie so häufig), weil er seine Gattin Hera hintergehen wollte, sondern ganz im Gegenteil: Der Urtext war als Versöhnungs-Gabe für Hera bestimmt (Zeus war mal wieder als Stier irgendeiner Jungfrau hinterhergestiegen, aber das ist eine andere Geschichte…) Jedenfalls sollte der Urtext das schönste Klingestück werden, das ein menschliches, ja ein göttliches Ohr je gehört habe. Bis zu seiner Fertigstellung sollte aber niemand vom Urtext erfahren.

arin, zwischen sich durchs Land schlängelnden Arpeggien, pflanzten die Henliden allerlei Notengeblüm, -gesträuch und -gebäum, deren Notenköpfe die wohlklingendsten Notenfrüchte hervorbrachten. Zur Erntezeit zog ein jeder Henlid hinaus in die klingenden Gärten mit einer Notenschüssel, einer Tonleiter (einige Notenbäume konnten sehr groß werden!) und einem Notenstecher. Diesen benötigten sie, wenn eine Frucht vom Ohrwurm befallen war, um den durchfressenen Teil abzutrennen. (Anm. d. Verf.: Eine bei den Henliden beliebte Redensart ist sogar bis heute so ähnlich tradiert worden: „Wer den Halbton nicht ehrt, ist des Ganztons nicht wert.“)
Auf saftigen Wiesen im Hinterland weideten pythagoreische Kommas aus deren seidenweichen Wolle die Henliden Notenlinien sponnen. Nur die etwas kleineren – zugegeben sehr possierlichen – Notierchen hatten zum Verdruss der Henliden nichts anderes im Sinn als herumzutollen und ihre Hälschen zu balken.
Zu Hause füllten die Henliden ihre Ernte in große und reine Oktaven und lagerten sie in wohltemperierten Räumen. Die restliche Zeit des Jahres waren sie nun damit beschäftigt, die Noten mit Hilfe der gesponnenen Notenlinien auf Quintenzirkel zu spannen, zu kadenzieren und metrisch zu bürsten. Schließlich webte der älteste der Henliden daraus den Urtext auf dem Polyphon, einem Zupfblasschlaginstrument, das nur er bedienen durfte und konnte, brauchte es doch jahrelange Erfahrung und Übung dieses zu beherrschen.

o wäre es wohl noch viele Jahre bis zur Fertigstellung des Urtextes zugegangen, hätte Zeus nicht in einer der allsamstagabendlichen Göttermännerrunden mit seinem Geschenk geprahlt. Ausgerechnet an diesem Abend war unter den Anwesenden der für seine Verschwiegenheit nicht gerade berühmte Hermes und es kam wie es kommen musste: Hera erfuhr davon, wie sie schon so oft von den Geheimnissen ihres Gatten erfahren musste. Aus leidvoller Erfahrung wog der vorausgegangene Betrug für sie schwerer als die Wiedergutmachung durch den Urtext. Noch immer voller Zorn über all die Techtelmechtel ihres Gatten, obwohl er ihr schon tausendmal versprochen hatte, ab jetzt ganz sicher treu zu bleiben, wollte sie sich rächen und den Urtext zerstören. Sie sandte dunkle Vorzeichen in das Tal und befahl dem Volk der Pausen, mit ihrem Anführer General Pause, dem Urtext ein Ende zu setzten. Die friedlichen Henliden konnten nicht lange Widerstand leisten, ihre jahrelange mühevolle Arbeit wurde zerstört und in alle Winde verstreut.
Im Laufe der Zeit fiel bald hier, bald dort eine Urtextnote zu Füßen des einen oder anderen Komponisten, der hob sie auf und verband sie mit eigenen Nichturtextnoten zu mehr oder weniger schönen Werken. Die Nachfahren der Henliden – ja sie gibt es wirklich! – haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Urtextnoten zu finden, um die göttliche Musik eines fernen Tages erklingen zu lassen. Auf diesem Weg durchforsten Sie alle Werke aller Komponisten, aber nur diejenigen mit einer besonders hohen Urtextnotendichte bekommen das Prädikat Urtext. Wie man munkelt, soll die Wiederherstellung des Urtextes sogar kurz bevorstehen – lassen Sie sich daher die neuesten Erzeugnisse der Henliden unter keinen Umständen entgehen.

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Eine Antwort auf »Die klingenden Gärten der Henliden – Eine kleine Urtextsage«

  1. seiffert sagt:

    Liebe Nachfahren der Henliden,

    ihr seid einfach klasse! Danke für Eure Mühsal und viel Erfolg weiterhin beim Urtexten.

    WdSeiffert

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