Tasteninstrumente > Klavier zu zwei Händen
Wolfgang Amadeus Mozart
Fantasie und Sonate c-moll KV 475/457
Herausgeber: Ernst Herttrich
Fingersatz: Hans-Martin Theopold
11,00 €
Urtextausgabe, broschiert
Ausführlicher Kritischer Bericht
(nicht in der Druckausgabe enthalten)
zum kostenlosen Download
Seiten: 36 (V, 31), Größe 23,5 x 31,0 cm
Bestell-Nr. HN 345 · ISMN M-2018-0345-6
Schwierigkeitsgrad (Klavier): mittel (Stufe 6)
Nach Fertigstellung der Sonate KV 333 erfolgte eine etwa einjährige Pause in Mozarts Sonaten-Schaffen, bedingt durch die Komposition mehrerer Klavierkonzerte, die Mozart in seinen anfangs sehr erfolgreichen Subskriptions-Konzerten in Wien aufführte und von denen gerade 1783/84 kurz hintereinander fünf Konzerte entstanden (KV 449, 450, 451, 453 und 456). Es ist daher kein Wunder, dass der Klaviervirtuose, der sich auf dem Podium durch Brillanz auszeichnen musste um Erfolg zu haben, seine Virtuosität auch in den Sonaten nicht verleugnet. Was jedoch die c-Moll-Sonate so sehr als allen anderen heraushebt, ist eine völlig neue Sprache und ein erschütternder Ausdruck subjektiver Tragik. Diese Sonate steht am Beginn einer neuen Epoche im Leben Mozarts und ist jenes Werk, das auf die Zeitgenossen und unmittelbaren Nachkommen, vor allem auf den jungen Beethoven, den tiefsten Eindruck gemacht hat. Sie ist – sieht man von Haydns doch sehr anders gearteten c-Moll-Sonate Hob. XVI/20 ab – die erste große monumentale Klaviersonate, die nicht nur für den Salon geschrieben ist, sondern auch „in großen Rahmen“ erklingen kann und soll. Ihr Inhalt ist zutiefst tragisch. Dies wirkt überraschend, wenn man den Zeitpunkt der Komposition bedenkt, denn im Jahre 1784 stand Mozart am Gipfel seines äußeren Erfolges in Wien. Er gab in diesem Jahr mehr als 20 ausverkaufte Konzerte, in denen er eigene Werke spielte. Selbst heute, im Zeitalter des „Konzertbetriebs“ kommt es äußerst selten vor, dass ein Virtuose oder gar ein Komponist in einer Stadt 20-mal hintereinander auftritt – und doch muss sich gerade in dieser Zeit jene innere und äußere Tragödie im Leben Mozarts angebahnt haben, die dazu führte, dass er schließlich im Elend gestorben ist. Die c-Moll-Sonate eröffnet die Reihe jener tragischen Moll-Werke der Wiener Jahre Mozarts, die mit dem unvollendeten Requiem 1791 ihren Abschluss fand.
ERSTER SATZ Der erste Satz mit seinem kühnen, aufstrebenden Thema ist ein einziger Aufschrei des Protestes. Der Anfang des ersten Satzes mit dem Unisono-Themenkopf und der „Gegenrede“ reißt Tiefen auf, wie die Themen des Klavierkonzerts KV 491 und der Fantasie KV 475, gegenüber denen die Sprache versagt. Erst ganz am Schluss des Satzes erlahmt die Kraft.
ZWEITER SATZ Nun folgt jenes wunderbare, trostreiche Adagio, das zu Mozart schönsten Eingebungen gehört. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die zweite Episode in As-Dur mit dem Adagio-Thema von Beethovens „Sonata Pathétique“ nahezu identisch ist.
DRITTER SATZ Aber die Tragödie ist nicht aufzuhalten. Der dritte Satz, ein Rondo, ist wiederum einer der erschütterndsten Sätze Mozarts. Klage, Protest, Resignation, atemlose Angst und Verzweiflung sprechen aus diesem Satz, dessen Fluss durch unzählige Pausen unterbrochen wird – wie im Leeren verhallende Schreie. Wunderbar ist es, dass alle jene subjektiven Erlebnisse, die hier ihren Ausdruck finden, doch nicht imstande sind, die Form zu sprengen. Nicht ein einziges Mal in dieser Sonate ist die klassische Sonatenform mit ihrer inneren Ordnung und Disziplin in Frage gestellt. So wird Mozarts Musik hier Symbol einer „Größe durch Überwindung der persönlichen Tragik“ und auf dieser Ebene ist es, wo Mozart und Beethoven sich als „Klassiker“ treffen.
YouTube-Empfehlung: András Schiff, Satz 2
Fantasie c-Moll KV 475
Die große c-Moll-Fantasie komponierte Mozart ein halbes Jahr nach der Sonate, verband aber selbst beide Werke im Druck. Sie erschienen unter dem Titel „Fantasie et Sonate pour le Forte-Piano“ im Dezember 1785 mit einer Widmung an Therese von Trattner (1758-1796). Frau von Trattner war 1784/85 Mozarts Schülerin gewesen und zudem die Frau des reichen Buchdruckers von Trattner, in dessen Haus die Familie Mozart zeitweilig logierte. Manches spricht für die Annahme, dass Mozart eine unglückliche Liebe mit der Widmungsträgerin verband, die den tragischen Unterton in beiden Werken verursachte.
Die c-Moll-Fantasie steht in Bezug auf Ausdruckstiefe, neuartige Formgestaltung, Modulationsreichtum sowie Vielfalt des zum Teil höchst virtuosen Klaviersatzes einzigartig in Mozarts Klavierschaffen da. Der dänische Arzt Frank, der Mozart 1784 besuchte, war von Mozarts Vortrag einer Fantasie (war es diese?) zutiefst ergriffen. Wie in anderen Werken aus dieser Periode 1785/86 wird im Thema der c-Moll-Dreiklang c-es-g durch die hinzukommenden chromatischen Noten fis und as melodisch bereichert. (Die gleichen Töne finden sich im Hauptthema des c-Moll-Klavierkonzerts KV 491 und in der „Maurerischen Trauermusik“ KV 466 [479a], und wird zurecht als eine Art Todessymbol gewertet). Nach dem zweimaligen Unisono am Beginn, dem jeweils „ängstliche“ Klageseufzer folgen, wird das Anfangsmotiv harmonisch sequenziert über chromatisch auf und danach jenen absteigenden Bassfortschreitungen, die seit der Renaissance als Leidenssymbol („Passus duriusculus“) bekannt sind. Einmalig sind die kühnen Harmoniefolgen in Takt 10-16, die nach h-Moll führen. Mit einer „traumhaften“ Mediantenwendung (Fis-Dur - D-Dur) erreicht Mozart den zweiten Hauptteil, einen liedartigen Satz im gleichen Adagio-Tempo, der als eine verklärte Reminiszenz an vergangene glückliche Tage gedeutet werden könnte. Die weitere Tempofolge der Fantasie-Abschnitte ist schnell-langsam-schnell, bis nach einem ausgedehnten rallentando und diminuendo das düstere langsame Anfangsmotiv wiederkehrt, die Fantasie zyklisch abrundet und zu einem tragischen Abschluss führt. Dabei ist noch zu bemerken, dass die schnellen Teile höchste Aufregung und Leidenschaft ausdrücken, das Andantino in B-Dur (der „Spiegel-Tonart“ des Adagios in D-Dur) hingegen innig klingt und wie ein leiser Gebetsanruf: Höre mich! wirkt. Diese ruhigen Kontrast-Teile werden jedoch nicht zu Ende geführt, sie „zerflattern“ wie Traumbilder.
Paul und Eva Badura-Skoda
Weitere Informationen
YouTube-Empfehlung: Edwin Fischer
Hörbeispiel: Maria João Pires
Deutsche Grammophon 028947752004GB6
Die Schwierigkeitsgrade der
Klaviermusik im G. Henle Verlag
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
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| leicht | mittel | schwer | ||||||
Die Schwierigkeitsgrade der Klaviermusik im G. Henle Verlag
| Stufe | Grad | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 | leicht | Bach, Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, Nr. 4 und 5 |
| 2 | Bach, Wohltemperiertes Klavier I, Nr. 1 Präludium C-dur | |
| 3 | Beethoven, Klaviersonaten op. 49,1 und 2 | |
| 4 | mittel | Grieg, Lyrische Stücke op. 12, Nr. 4 |
| 5 | Schumann, Fantasiestücke op. 12, Nr. 1 | |
| 6 | Chopin, Nocturnes op. 27, Nr. 1 und 2 | |
| 7 | schwer | Beethoven, Klaviersonate op. 10, Nr. 3 |
| 8 | Beethoven, Klaviersonate op. 81a | |
| 9 | Schumann, Toccata op. 7 |
Schwierigkeitsgrade als Leitfaden
„Was heißt schon ‚schwer‘? Entweder man kann spielen oder man kann nicht spielen“ – so die lapidare Bemerkung des großen Geigers Nathan Milstein, angesprochen auf die unglaublichen Schwierigkeiten der Capricen op. 1 von Niccolo Paganini.
Sofort wird damit die Relativität von „Schwierigkeitsbewertungen“ in der Musik deutlich. Ich stelle mich dennoch gerne dieser großen Herausforderung, die der G. Henle Verlag an mich herangetragen hat. Denn ich weiß von vielen Kollegen und aus eigener Erfahrung, wie hilfreich solch ein Leitfaden sein kann. Vor allem, um „passende“ Stücke aufzufinden. Zum Beispiel für Instrumentallehrer, die auf den unterschiedlichsten Ebenen unterrichten, vom Anfänger bis zur Vorbereitung auf die Hochschulen, aber auch für alle interessierten Laien, denen ein solcher Leitfaden helfen will.
Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für neun Schwierigkeitsgrade, die ich in drei Gruppen unterteilt habe: 1–3 (leicht), 4–6 (mittel), 7–9 (schwer). In die Schwierigkeitsgrad-Bewertung fließen dabei möglichst viele Parameter ein. Ich bewerte nicht allein die Anzahl von schnell oder langsam zu spielenden Noten oder von Akkordfolgen; ganz entschieden wichtig sind darüber hinaus die Komplexität der Faktur eines Stückes, die Kompliziertheit seiner Rhythmik, die Schwierigkeit der Lesbarkeit beim ersten Erfassen des Notentextes und nicht zuletzt, wie leicht oder wie schwer es ist, die musikalische Struktur des Stückes zu erfassen. Als „Stück“ definiere ich dabei die musikalische Einheit etwa einer Sonate oder eines Einzelstücks im Zyklus, weshalb zum Beispiel Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ Band 1 insgesamt 48 Schwierigkeitsgrade enthält (jedes Präludium und jede Fuge separat), Schumanns fis-moll-Sonate op. 11 jedoch nur eine einzige Ziffer. Maßstab meiner Bewertung ist die vorspielreife Darbietung eines Stücks.
Während der Bewertungsarbeit hat sich herausgestellt, dass der Bereich der mittleren Schwierigkeitsgrade (4–6) am heikelsten ist. Hin und wieder führt das dazu, dass ein Stück zum Beispiel mit der Kategorie „3/4“ zu bewerten ist, obwohl es allein vom Klaviertechnischen her eine „3“ verdient hätte. Als Beispiel für solch eine „Grenzüberschreitung“ (leicht/mittel) diene das erste Stück der Schumannschen „Kinderszenen“ op. 15 Von fremden Ländern und Menschen oder in die andere Richtung „6/7“ ein Teil der Bachschen „Englischen Suiten“. Und selbstverständlich gibt es auch innerhalb einer Hauptkategorie „Von-bis“-Wertungen (z. B. 7/8).
Jedwede Bewertung von Kunst und Musik bleibt selbst bei Vorgabe größter Objektivität immer subjektiv. Bei aller Sorgfalt, um die ich mich bemüht habe, bin ich mir im tiefsten Inneren durchaus der Anfechtbarkeit des Ergebnisses meiner Arbeit im Klaren, so dass ich für Anregungen jederzeit dankbar bin.
Prof. Rolf Koenen © 2010

