Tasteninstrumente > Klavier zu zwei Händen
Wolfgang Amadeus Mozart
Klaviersonate a-moll KV 310 (300d)
Herausgeber: Ernst Herttrich
Fingersatz: Hans-Martin Theopold
6,00 €
Urtextausgabe, broschiert
Ausführlicher Kritischer Bericht
(nicht in der Druckausgabe enthalten)
zum kostenlosen Download
Seiten: 24 (V, 19), Größe 23,5 x 31,0 cm
Bestell-Nr. HN 396 · ISMN M-2018-0396-8
Schwierigkeitsgrad (Klavier): schwer (Stufe 6/7)
Mit der a-Moll-Sonate wird plötzlich ein Abgrund aufgerissen. Alfred Einstein dürfte recht gehabt haben, wenn er annahm, dass diese Sonate unter dem Eindruck des Todes der Mutter in Paris entstanden sein muss und wenn er damit die in dieser Sonate ausgedrückte Tragik erklärt.
ERSTER SATZ Allegro maestoso ist der erste Satz überschrieben, und er beginnt auch mit einem wahrhaft majestätischen Thema. Früher galt ja der punktierte Rhythmus als Symbol des Majestätischen und wurde von Mozarts Zeitgenossen als solches verstanden. Die unerbittlich klopfenden Akkorde der orchestralen Begleitung freilich zeigen keine festliche, sondern viel eher eine dämonische, düstere Majestät: Ein ständiges Hin und Her zwischen Aufbäumen und Resignation oder Verzweiflung charakterisiert diesen ersten Satz. Die Vorschlagsnoten im 2. und 4. Takt des ersten Thema sind sicherlich jeweils „lang“ zu nehmen. Anstelle eines zweiten Themas steht (ab Takt 23) eine durchgehende Sechzehntel-Bewegung, der eine polyphonierende Zweistimmigkeit in der linken Hand ab Takt 28 folgt. Die letzten fünf Takte der Exposition bringen nochmals den punktierten Rhythmus des Hauptgedankens. In der Durchführung bricht dann ein Sturm los, wie er nicht seinesgleichen hat, weder bei Mozart noch in der Klaviermusik seiner Zeit. Ganz ungewöhnlich ist dabei der vorgeschriebene dynamische Kontrast zwischen ff und pp und danach wieder ff, wie Mozart ihn für die drei Wellen der Durchführung vorzeichnete. Spezielle Beachtung verdienen zwei verminderte Septimenakkorde in Takt 126/127, die in der Klassik-Epoche immer Ausdruck höchster Tragik und Erschütterung bedeuteten.
ZWEITER SATZ Wunderbar ist dann der milde Trost, das ruhige „Schreiten der Grazien“ im zweiten Satz dieser Sonate, ein Andante cantabile con espressione in F-Dur, das mit Würde zu spielen ist. Trotz einer lyrischen Grundstimmung vermittelt dieser ausdrucksvolle Satz etwas leidenschaftlich-Großartiges und ist somit weit entfernt von der warmen und graziösen Innigkeit anderer Mittelsätze in einer Dur-Tonart. Ein zweites Thema (ab Takt 15) erinnert mit seinen Tonwiederholungen im Aufbau übrigens deutlich an das Seitenthema im zweiten Satz der Symphonie KV 201. Die großartige Steigerung in der Durchführung mit dem Höhepunkt in Takt 43-49 erweckt natürlich Reminiszenzen an die Durchführung des ersten Satzes. Umso schöner ist dann die Rückkehr zum trostreichen Hauptthema und zur Reprise.
DRITTER SATZ Der dritte Satz führt wieder in die düstere Stimmung des ersten Satzes zurück, nur dass er anstelle der orchestralen Dramatik nur eine im presto-Tempo dahinhuschende schattenhafte Darstellung des tragischen Grundaffekts gibt. Anders als Beethoven kennt Mozart in den Finali seiner Moll-Sonaten und Symphonie nicht oder nur selten die Befreiung in strahlendes Dur, die Überwindung der Tragik durch die Freude. Schicksalshaft kehren die meisten seiner Moll-Stücke nach Dur-Episoden in die Stimmung des Anfangs zurück. So ist es auch hier. Dieser Presto-Satz ist eines der düstersten Stücke, die Mozart je geschrieben hat, mit einem merkwürdigen Wechsel von Aufbäumen und Verzweiflung. Nur einmal wird in diesem Satz eine subtil zarte, lichte Vision der Seligkeit in A-Dur, eine Fata Morgana, kurz sichtbar; danach kehrt die Stimmung der Verzweiflung und Resignation vom Anfang zurück. Trotzig und energisch schließt der Satz in a-Moll.
Paul und Eva Badura-Skoda
Weitere Informationen
YouTube-Empfehlung: Arthur Schnabel
Satz 1
Satz 2
Satz 3
Hörbeispiel: Maria João Pires
Deutsche Grammophon 028947752004GB6
Die Schwierigkeitsgrade der
Klaviermusik im G. Henle Verlag
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| leicht | mittel | schwer | ||||||
Die Schwierigkeitsgrade der Klaviermusik im G. Henle Verlag
| Stufe | Grad | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 | leicht | Bach, Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, Nr. 4 und 5 |
| 2 | Bach, Wohltemperiertes Klavier I, Nr. 1 Präludium C-dur | |
| 3 | Beethoven, Klaviersonaten op. 49,1 und 2 | |
| 4 | mittel | Grieg, Lyrische Stücke op. 12, Nr. 4 |
| 5 | Schumann, Fantasiestücke op. 12, Nr. 1 | |
| 6 | Chopin, Nocturnes op. 27, Nr. 1 und 2 | |
| 7 | schwer | Beethoven, Klaviersonate op. 10, Nr. 3 |
| 8 | Beethoven, Klaviersonate op. 81a | |
| 9 | Schumann, Toccata op. 7 |
Schwierigkeitsgrade als Leitfaden
„Was heißt schon ‚schwer‘? Entweder man kann spielen oder man kann nicht spielen“ – so die lapidare Bemerkung des großen Geigers Nathan Milstein, angesprochen auf die unglaublichen Schwierigkeiten der Capricen op. 1 von Niccolo Paganini.
Sofort wird damit die Relativität von „Schwierigkeitsbewertungen“ in der Musik deutlich. Ich stelle mich dennoch gerne dieser großen Herausforderung, die der G. Henle Verlag an mich herangetragen hat. Denn ich weiß von vielen Kollegen und aus eigener Erfahrung, wie hilfreich solch ein Leitfaden sein kann. Vor allem, um „passende“ Stücke aufzufinden. Zum Beispiel für Instrumentallehrer, die auf den unterschiedlichsten Ebenen unterrichten, vom Anfänger bis zur Vorbereitung auf die Hochschulen, aber auch für alle interessierten Laien, denen ein solcher Leitfaden helfen will.
Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für neun Schwierigkeitsgrade, die ich in drei Gruppen unterteilt habe: 1–3 (leicht), 4–6 (mittel), 7–9 (schwer). In die Schwierigkeitsgrad-Bewertung fließen dabei möglichst viele Parameter ein. Ich bewerte nicht allein die Anzahl von schnell oder langsam zu spielenden Noten oder von Akkordfolgen; ganz entschieden wichtig sind darüber hinaus die Komplexität der Faktur eines Stückes, die Kompliziertheit seiner Rhythmik, die Schwierigkeit der Lesbarkeit beim ersten Erfassen des Notentextes und nicht zuletzt, wie leicht oder wie schwer es ist, die musikalische Struktur des Stückes zu erfassen. Als „Stück“ definiere ich dabei die musikalische Einheit etwa einer Sonate oder eines Einzelstücks im Zyklus, weshalb zum Beispiel Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ Band 1 insgesamt 48 Schwierigkeitsgrade enthält (jedes Präludium und jede Fuge separat), Schumanns fis-moll-Sonate op. 11 jedoch nur eine einzige Ziffer. Maßstab meiner Bewertung ist die vorspielreife Darbietung eines Stücks.
Während der Bewertungsarbeit hat sich herausgestellt, dass der Bereich der mittleren Schwierigkeitsgrade (4–6) am heikelsten ist. Hin und wieder führt das dazu, dass ein Stück zum Beispiel mit der Kategorie „3/4“ zu bewerten ist, obwohl es allein vom Klaviertechnischen her eine „3“ verdient hätte. Als Beispiel für solch eine „Grenzüberschreitung“ (leicht/mittel) diene das erste Stück der Schumannschen „Kinderszenen“ op. 15 Von fremden Ländern und Menschen oder in die andere Richtung „6/7“ ein Teil der Bachschen „Englischen Suiten“. Und selbstverständlich gibt es auch innerhalb einer Hauptkategorie „Von-bis“-Wertungen (z. B. 7/8).
Jedwede Bewertung von Kunst und Musik bleibt selbst bei Vorgabe größter Objektivität immer subjektiv. Bei aller Sorgfalt, um die ich mich bemüht habe, bin ich mir im tiefsten Inneren durchaus der Anfechtbarkeit des Ergebnisses meiner Arbeit im Klaren, so dass ich für Anregungen jederzeit dankbar bin.
Prof. Rolf Koenen © 2010

