Tasteninstrumente > Klavier zu zwei Händen
Wolfgang Amadeus Mozart
Klaviersonate D-dur KV 284 (205b)
Herausgeber: Ernst Herttrich
Fingersatz: Hans-Martin Theopold
9,50 €
Urtextausgabe, broschiert
Ausführlicher Kritischer Bericht
(nicht in der Druckausgabe enthalten)
zum kostenlosen Download
Seiten: 31 (V, 26), Größe 23,5 x 31,0 cm
Bestell-Nr. HN 1063 · ISMN M-2018-1063-8
Schwierigkeitsgrad (Klavier): mittel (Stufe 6)
Die D-dur-Sonate ist die letzte jener sechs Sonaten KV 279–284, die Mozart im Gepäck hatte, als er sich im September 1777 nach Paris aufmachte. Schon in München, Augsburg und Mannheim trat er mit dieser Musik erfolgreich auf, wovon er dem Vater stolz nach Hause berichtete. Er versah die Werke mit einer besonders reichen dynamischen Bezeichnung und fand auch in formaler Hinsicht manch ungewöhnliche Lösung, wie z. B. in der D-dur-Sonate ein langsames Rondeau en Polonaise als Mittelsatz. Mit dieser Ausgabe liegen die bisher nur in den Gesamtbänden (HN 1 und 3) erhältlichen sechs Sonaten nun sämtlich auch als Einzelausgaben mit neuen Vorworten vor.
Diese Sonate ist von Mozart für einen Freiherrn Thaddäus von Dürnitz geschrieben worden; sie wird daher oft als „Dürnitz-Sonate“ bezeichnet. Der Flöte und Klavier spielende Baron blieb Mozart allerdings die übliche Remuneration schuldig, weshalb Mozart die Sonate später mit einer Widmung an die Gräfin von Cobenzl veröffentlichte.
ERSTER SATZ Diese sechste Sonate ist zweifellos das bedeutendste und brillanteste Werk im Zyklus. Sie ist auch sicher jene Sonate, von der Mozart seinem Vater schrieb, dass sie auf den Hammerklavieren von Stein in Augsburg „so unvergleichlich herauskommt“. Etwa anderthalb Seiten einer ersten Niederschrift des Beginns mit leicht abweichender Thematik strich Mozart durch und begann auf derselben Seite die endgültige Fassung zu notieren. Zum ersten Mal zeigt sich in diesem Klavierwerk in der Themenanlage ein Zug ins Große, ins Orchestrale. Die Tremoli in den Takten 13 16 ebenso wie der unisono-Charakter des Hauptgedankens klingen fast wie der Klavierauszug eines imaginären Orchester-Tuttis. Auch im weiteren Verlauf des Satzes ist deutlich ein Gegensatz zwischen Tutti und Solo zu erkennen. Bemerkenswert ist das zarte, einstimmig beginnende Seitenthema (Takt 22 ff.), das eine jener harmonischen Lieblingsformeln beinhaltet, die Barock und Klassik verbinden, nämlich absteigende Sextakkorde („Gegenstücke“ sind zum Beispiel das Seitenthema des zweiten Satzes aus Bachs „Italienischem Konzert“ oder das Seitenthema in Glucks Ouvertüre zu „Iphigenie auf Tauris“). Darauf erfolgt erneut ein Tutti-Einwurf (Takt 30 ff.). In der Durchführung wird ein weiter Kreis von Moll-Tonarten berührt, bevor (in Takt 72) die Reprise einsetzt.
ZWEITER SATZ Den zweiten Satz, ein Andante, bezeichnete Mozart als „Rondo en Polonaise“. Wie im ersten Satz der vorhergehenden G-Dur-Sonate haben im Thema dieses Rondeaus die Anfangstakte dialogartigen Charakter und es ist reizvoll zu sehen, in welcher Weise Mozart diese vier Takte im Laufe des Satzes koloriert und variiert. Die Kontrastwirkungen dieser Rede und Gegenrede wird in diesem Satz noch durch sorgfältige dynamische Vorschriften unterstrichen.
DRITTER SATZ Das Finale dieser Sonate ist ein virtuos fröhlicher Variationen-Satz im Gavotte-Rhythmus, der – bis auf die Adagio-Variation – wie das Rondeau tanzartigen Charakter zeigt. Mozarts besondere Kunst der Variierung zeigt sich hier von der brillantesten Seite. Man wird zudem an das Wort Edwin Fischers erinnert, „Mozart müsse wohl Champagner in den Adern“ gehabt haben. Unser spezielles Interesse verdient die Adagio-Variation, die im Autograph in einer relativ wenig verzierten Fassung steht und von der wir annehmen können, dass Mozart sie beim eigenen Vortrag der Sonate je nach Lust und Laune auszierte. Eine dieser Auszierungen erschien noch zu Mozarts Lebzeiten (1784) in Wien im Druck und lehrt uns, wie Mozart ornamentierte. Sie stammt nämlich sicherlich von Mozart, denn es ist keineswegs anzunehmen, dass die verzierte Version des Erstdrucks vom Stecher des Wiener Verlegers Torricella komponiert wurde. Auch bei den übrigen Sätzen dieser Sonate lässt sich ja feststellen, dass Mozart sie für die Drucklegung überarbeitete und mit genauen dynamischen Angaben versah. Da die ornamentierte Erstdruck-Fassung der unverzierten Autograph-Version vorzuziehen ist, sollte sie stets (und übrigens nie zu langsam!) gespielt werden.
Paul und Eva Badura-Skoda
Weitere Informationen
YouTube-Empfehlung: Klára Würtz, Satz 3
Thema – Var. VI
Var. VII – Finis
Hörbeispiel: Maria João Pires
Deutsche Grammophon 028947752004GB6
Die Schwierigkeitsgrade der
Klaviermusik im G. Henle Verlag
| 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| leicht | mittel | schwer | ||||||
Die Schwierigkeitsgrade der Klaviermusik im G. Henle Verlag
| Stufe | Grad | Beispiel |
|---|---|---|
| 1 | leicht | Bach, Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach, Nr. 4 und 5 |
| 2 | Bach, Wohltemperiertes Klavier I, Nr. 1 Präludium C-dur | |
| 3 | Beethoven, Klaviersonaten op. 49,1 und 2 | |
| 4 | mittel | Grieg, Lyrische Stücke op. 12, Nr. 4 |
| 5 | Schumann, Fantasiestücke op. 12, Nr. 1 | |
| 6 | Chopin, Nocturnes op. 27, Nr. 1 und 2 | |
| 7 | schwer | Beethoven, Klaviersonate op. 10, Nr. 3 |
| 8 | Beethoven, Klaviersonate op. 81a | |
| 9 | Schumann, Toccata op. 7 |
Schwierigkeitsgrade als Leitfaden
„Was heißt schon ‚schwer‘? Entweder man kann spielen oder man kann nicht spielen“ – so die lapidare Bemerkung des großen Geigers Nathan Milstein, angesprochen auf die unglaublichen Schwierigkeiten der Capricen op. 1 von Niccolo Paganini.
Sofort wird damit die Relativität von „Schwierigkeitsbewertungen“ in der Musik deutlich. Ich stelle mich dennoch gerne dieser großen Herausforderung, die der G. Henle Verlag an mich herangetragen hat. Denn ich weiß von vielen Kollegen und aus eigener Erfahrung, wie hilfreich solch ein Leitfaden sein kann. Vor allem, um „passende“ Stücke aufzufinden. Zum Beispiel für Instrumentallehrer, die auf den unterschiedlichsten Ebenen unterrichten, vom Anfänger bis zur Vorbereitung auf die Hochschulen, aber auch für alle interessierten Laien, denen ein solcher Leitfaden helfen will.
Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich für neun Schwierigkeitsgrade, die ich in drei Gruppen unterteilt habe: 1–3 (leicht), 4–6 (mittel), 7–9 (schwer). In die Schwierigkeitsgrad-Bewertung fließen dabei möglichst viele Parameter ein. Ich bewerte nicht allein die Anzahl von schnell oder langsam zu spielenden Noten oder von Akkordfolgen; ganz entschieden wichtig sind darüber hinaus die Komplexität der Faktur eines Stückes, die Kompliziertheit seiner Rhythmik, die Schwierigkeit der Lesbarkeit beim ersten Erfassen des Notentextes und nicht zuletzt, wie leicht oder wie schwer es ist, die musikalische Struktur des Stückes zu erfassen. Als „Stück“ definiere ich dabei die musikalische Einheit etwa einer Sonate oder eines Einzelstücks im Zyklus, weshalb zum Beispiel Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ Band 1 insgesamt 48 Schwierigkeitsgrade enthält (jedes Präludium und jede Fuge separat), Schumanns fis-moll-Sonate op. 11 jedoch nur eine einzige Ziffer. Maßstab meiner Bewertung ist die vorspielreife Darbietung eines Stücks.
Während der Bewertungsarbeit hat sich herausgestellt, dass der Bereich der mittleren Schwierigkeitsgrade (4–6) am heikelsten ist. Hin und wieder führt das dazu, dass ein Stück zum Beispiel mit der Kategorie „3/4“ zu bewerten ist, obwohl es allein vom Klaviertechnischen her eine „3“ verdient hätte. Als Beispiel für solch eine „Grenzüberschreitung“ (leicht/mittel) diene das erste Stück der Schumannschen „Kinderszenen“ op. 15 Von fremden Ländern und Menschen oder in die andere Richtung „6/7“ ein Teil der Bachschen „Englischen Suiten“. Und selbstverständlich gibt es auch innerhalb einer Hauptkategorie „Von-bis“-Wertungen (z. B. 7/8).
Jedwede Bewertung von Kunst und Musik bleibt selbst bei Vorgabe größter Objektivität immer subjektiv. Bei aller Sorgfalt, um die ich mich bemüht habe, bin ich mir im tiefsten Inneren durchaus der Anfechtbarkeit des Ergebnisses meiner Arbeit im Klaren, so dass ich für Anregungen jederzeit dankbar bin.
Prof. Rolf Koenen © 2010

