Schumann-Jahr 2010

Schumann Forum 2010

"Das Solo-Klavierwerk I (Teil 1)"

von Wolf-Dieter Seiffert
Geschäftsführer G. Henle Verlag

01. April

Welch ein Kosmos: Robert Schumanns Werke für Klavier!

Ich gebe es gerne und an dieser Stelle zu: Ich bewundere Schumanns Klavierschaffen wie kaum ein zweites. Dieser Musik zuzuhören (oder auch sie – in meinem Falle – dilettantisch am Klavier zu spielen) bringt mich sofort in eine Art Hochstimmung, in eine positive Aufregung. Seit vielen Jahren befasse ich mich mit Schumanns Klavierwerk und ich entdecke immer neue Facetten. Vor diesem Œuvre steht man staunend mit offenem Mund (und offenen Ohren) wie einer, der sich an den Sternen des Nachthimmels nicht sattsehen kann. Robert Schumanns Werke für Klavier: Ein musikalischer Kosmos, der seinesgleichen sucht.

Nicht zuletzt deshalb habe ich dieses „Schumann-Forum 2010“ zu schreiben begonnen. Ich will mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, diese Liebe zu Schumanns Werken teilen und Ihnen im weiteren Verlauf des Jahres dazu einiges an Informationen und Unterhaltung bieten. Der G. Henle Verlag hat hier, meine ich, für den ernsthaft an Musik Interessierten wirklich einiges, auch bisher Unbekanntes, zu bieten.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum ich diese Art „Schumann-Blog“ im „Schumann-Jahr 2010“ begründet habe. Ich weiß, dass viele Musikkenner Schumanns C-dur-Fantasie op. 17 lieben, seine „Kreisleriana“ op. 16 über die Maßen schätzen und sich freuen, wenn einmal mehr der „Carnaval“ op. 9 auf dem Programm eines Pianisten steht. Schumann hat aber viel, viel mehr für das Klavier komponiert, und das meiste ist auf demselben Niveau wie die gerade genannten Stücke. Und diese Werke kennen viel zu wenige Musikfreunde.

Selbst Pianisten bewegen sich immer wieder auf den ausgetretenen Pfaden – ich weiß, es sind wundervolle Pfade! Es ist genau so, wie es mir der große (Schumann-) Pianist András Schiff anvertraut hat: Neben einigen oft und gerne gespielten Werken wird „der Großteil der Werkgruppe »Klaviermusik« von den Pianisten stiefmütterlich behandelt“ (Sie können den ganzen Text von András Schiff » HIER lesen.)

Als Verleger des großen Klavierrepertoires habe ich einen ziemlich guten Überblick über das Interesse der Pianisten – weltweit. Das Jubiläumsjahr 2010 lässt ja nun die beiden Klavier-Giganten des 19. Jahrhunderts Chopin und Schumann gewissermaßen in Konkurrenz treten. Ich weiß heute schon, April 2010, wie es ausgehen wird: Chopin wird Schumann hinsichtlich der Absatzzahlen mit deutlichem Abstand überflügeln – weltweit. 

Ich werde Ihnen deshalb im Laufe der nächsten Monate verschiedene Klavierwerke Schumanns vorstellen und auch CD-Aufnahmen vergleichen und dazu empfehlen. Die etwas weniger bekannten Stücke sollen dabei im Vordergrund stehen, aber auch die großen „Schlachtrösser“ sollen nicht zu kurz kommen. Auch werde ich mit einigen Pianisten extra für unser Forum Interviews führen, die derzeit Schumann aufnehmen oder deren CDs gerade erschienen sind oder bald erscheinen werden.

Erst vor wenigen Tagen traf ich die wunderbare Angela Hewitt. Sie wird in der zweiten Jahreshälfte ihre zweite Schumann-CD aufnehmen (u. a. mit den „Davidsbündler-Tänzen“ und den „Waldszenen“). Sie finden unser Interview als Audio-Datei hier ab dem 15. April, dazu wird es (für die schnellsten von Ihnen) drei von Frau Hewitt signierte Schumann-CDs zu gewinnen geben.

Heute aber erst einmal nackte Zahlen, die für sich allein schon zu beeindrucken wissen: Schumann schrieb 38 vollständige Werke für Klavier solo (36 davon mit Opuszahl). Da wir schon seit Jahrzehnten sehr viel Schumann, erst seit heute (April 2010) aber das gesamte Klavierwerk Schumanns in Urtextausgaben anbieten, gibt es im G. Henle Verlag ab sofort 38 einzelne Schumann-Ausgaben. Dazu kommen noch die brandneuen Sammelbände: alle Schumann-Werke in sechs Bänden entweder in taubenblaue Broschur oder in edles hellblaues Leinen gebunden sowie die sechs im Format verkleinerten Bände der wohlfeilen „Studien-Edition“. Alles zusammen also 56 Bände. (Kenner freuen sich freilich über diese Schumann-Zahl.)

Ich habe vor ein paar Tagen einmal alle diese Schumann-Notenausgaben auf unsere Verlagstreppe in den ersten Stock aufstellen lassen und dann folgendes Foto geschossen.

Das sind zusammengenommen etwa 0,60 Regalmeter, hintereinander gelegt eine Reihe von gut 17 Metern, die insgesamt knapp 25 Kilogramm wiegen. Was aber den Musiker mehr interessiert: Es sind genau 1.216 Notenseiten im berühmten Henle-Notenstich, und wenn man alles hintereinander wegspielen würde dauert das ca. 15 Stunden. 

Die wesentlichen bibliographischen Daten zusammen mit den von mir ermittelten Aufführungszeiten zu jedem Opus findet man » HIER.

Sie haben die Möglichkeit, sich jederzeit intensiver mit diesen Ausgaben zu befassen, ohne Sie sofort erwerben zu müssen. In der linken Spalte dieser Homepage-Seite unter „Schumann-Ausgaben“ gehen Sie dazu in unsere Datenbank. Jeder Schumann-Titel (wie übrigens der gesamte Henle-Katalog) wird darin separat vorgestellt, es werden Auswahlseiten gezeigt, hier und da Pressemitteilungen zitiert und vor allem jedes einzelne Vorwort sowie der gesamte „Kritische Bericht“ komplett zum Download angeboten.

Damit bieten wir ein umfassendes und topaktuelles Kompendium zu Schumanns Klavierwerk; und das Entscheidende: auf wissenschaftlich gesichertem Boden. Nicht ohne Stolz darf ich behaupten, dass wir damit dem Schumann-Freund etwas Einmaliges bieten.

Natürlich sollen Ihnen diese vielfältigen Online-Angebote auch Lust darauf machen, die Notenausgaben bei Ihrem Musikalienhändler zu erwerben.

Stolz bin ich aber auch auf meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im G. Henle Verlag. Sie haben es geschafft, pünktlich zur Internationalen Musikmesse in Frankfurt (24.-27. März 2010) alle diese neuen Schumann-Ausgaben im Henle-Urtext herauszubringen. Das war eine beachtliche Kraftanstrengung und wir alle sind auch ein bisschen erschöpft und glücklich, das Unmögliche geschafft zu haben.

Gleich im Anschluss auf die Musikmesse werde ich mit unserem Programmleiter, dem stellvertretenden Verlagsleiter Dr. Norbert Gertsch, ein Gespräch führen und aufzeichnen. Er wird die neuen Henle-Schumann-Ausgaben zusammenfassend vorstellen und auch über erste Messe-Reaktionen berichten. Am 15. April können Sie das hier im „Schumann-Forum 2010“ nachlesen.

Nun aber soll der wissenschaftliche Herausgeber sämtlicher Schumann-Bände zu Wort kommen. Dr. Ernst Herttrich hat sich vor vielen Jahren an die herkulische Arbeit gemacht, Opus für Opus Schumanns Klavierwerk für den G. Henle Verlag komplett neu herauszugeben. Ich darf an dieser Stelle nochmals meinen Dank für diese großartige Leistung zum Ausdruck bringen. Wir haben bis nach München den Stein gehört, der Herrn Herttrich in Berlin vom Herzen fiel, als er vom glücklichen Abschluss, perfekt zur Musikmesse, erfuhr.

Ich habe ein langes Gespräch mit Dr. Herttrich über seine wissenschaftliche Herausgebertätigkeit und über alles, was die G. Henle-Ausgabe gegenüber früheren Zeiten Neues bringt, gesprochen. Wir bringen Ihnen eine Mitschrift dieses Interviews in zwei Teilen (in Deutsch und Englisch). Den ersten Teil finden Sie » HIER, den zweiten am 15. April.

Zum guten Schluss für heute ein Link auf einen vollständigen Video-Mitschnitt der „Davidsbündler-Tänze“ op. 6, gespielt vom damals knapp 70-jährigen Wilhelm Kempff (1895–1991) am 4. März 1963 in Besancon. Die Tonqualität ist leider nicht besonders gut (die originale DVD ist viel besser), aber wie souverän Kempff Schumann spielt, ist eine besondere Qualität für sich:

Opus 6, I, Nr. 1-6:

Opus 6, I, Nr. 7-9, II, Nr. 1-4 [harter Schnitt mittendrin]:

Opus 6, II, Nr. 4 [Fortsetzung] – Nr. 7:

Opus 6, II 8-9:

PS: Falls Sie mir schreiben wollen: » davidsbuendler@henle.com

 

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