Schumann-Jahr 2010

Schumann-Forum 2010

Schumann Signatur"Abschied in Es"

von Wolf-Dieter Seiffert
Geschäftsführer G. Henle Verlag

15. Dezember

 

Liebe Leserinnen und Leser,

lesen Sie eigentlich gerne die Tagebücher und Briefe anderer? Je intimer es dort zugeht, desto besser? Meine provokante Frage hat folgenden einfachen Hintergrund: Als Schumann-Enthusiast ist mir die Überfülle seiner privaten und privatesten Zeugnisse, die er hinterlassen hat, höchst willkommen. Er schrieb Tagebücher, Ehetagebücher, Haushaltbücher, Briefe und Notizen – und: er hob das alles peinlich sorgfältig (für die Nachwelt) auf.

Aber andererseits: Immer wieder beschleicht mich ein Gefühl begangener Indiskretion, der Verletzung der Privatsphäre, wenn ich die (hervorragend von Gerd Nauhaus edierten und kommentierten) Dokumente lese. Außerdem frage ich mich, wie nah ich eigentlich wirklich dabei diesem Großen der Musikgeschichte komme. Und selbst wenn: Als Mensch interessiert mich Schumann doch nicht eigentlich, sondern vor allem als Schöpfer seiner göttlichen Kompositionen. 

Und dann erschien 2006, herausgegeben von Bernhard R. Appel, der Krankenbericht aus der Endenicher Heilanstalt. Die ausgebreiteten Dokumente sind erschütternd. Peter Härtling hat in seinem wunderbaren Roman "Schumanns Schatten" daraus literarisches Gold gewonnen, aber die nackten Tatsachen über Schumanns Verdämmern im Irrenhaus wollen wir doch nicht wirklich wissen; wir sollten nicht mehr hinsehen. 

Diese Gedanken schicke ich meinem letzten Kapitel des "Schumann-Forums 2010" voraus, denn es soll heute um Schumanns Thema und Variationen in Es-Dur ("Geistervariationen") gehen, sein letztes vollständiges Werk, unmittelbar vor der Selbsteinweisung nach Endenich. Ich habe dieses äußerlich unscheinbare Stück, seit ich es kennenlernte und dann im G. Henle Verlag 1995 in einer, nein der ersten und bislang einzigen Urtextausgabe edieren durfte, sehr in mein Herz geschlossen. (Es ist wunderbar zu beobachten, wie es seither immer häufiger aufgeführt und eingespielt wird, zumal es davor kaum jemand kannte.) 

Robert Schuhmann - Thema mit Variantionen Robert Schumann, Variationen über ein eigenes Thema in Es (Geistervariationen), Ed.: Wolf-Dieter Seiffert, Fing.: Klaus Schilde, Urtextausgabe, broschiert, HN 482

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Schumann Sämtliche Klavierwerke Band VIRobert Schumann, Sämtliche Klavierwerke Band VI, Ed.: Wolf-Dieter Seiffert, Ernst Herttrich, Robert Münster, Fing.: Klaus Schilde, Walther Lampe, Hans-Martin Theopold, Urtextausgabe, broschiert, HN 930

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Es ist hier nicht der Ort, auf die bewegenden privaten Umstände der gut belegten Entstehungsgeschichte dieses letzten Schumann-Werks einzugehen. Bitte nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit, um folgenden Ausschnitt aus einem sehr gelungenen, vor wenigen Monaten erschienenen Hörbuch (deutsch) anzuhören. Das Kapitel heißt "Unter Geistern" und fasst das tragische Geschehen zusammen:

robert-schumann_unter-geistern.mp3

aus: Das SCHUMANN-Hörbuch – Leben in der Musik, Eine klingende Biografie von Corinna Hesse - mit zahlreichen Zitaten von Schumann und seinen Zeitgenossen sowie über 50 Musikbeispielen. Sprecher: Dietmar Mues und Anne Moll, Silberfuchs-Verlag

Ich hatte das große Glück, gleich zu Beginn meiner Tätigkeit Anfang der 1990er-Jahre als Lektor im G. Henle Verlag von dem Münchener Autographen-Sammler und wahren Schumann-Enthusiasten Walter Beck eingeladen zu werden. Zusammen mit meinem Freund Michael Struck, schon damals einer der besten Schumann-Kenner, präsentierte uns Beck zu unserem Erstaunen das verschollen geglaubte vollständige Autograph der "Geistervariationen". Er wollte eine Faksimile-Ausgabe mit esoterischem Begleittext dazu herausbringen. Ich verfasste damals eine genaue Chronologie der Ereignisse, wollte mich aber nicht auf die esoterischen (von Rudolf Steiners Lehre geprägten) Aspekte einlassen, weshalb Beck das Faksimile schließlich (unter ungekennzeichneter Verwendung meiner Texte) woanders veröffentlichte. Weder die Reproduktionsqualität noch der Begleittext können hierbei wirklich überzeugen. 

Der für meinen Verlag entgangene wunderbare Faksimiletitel wurde aufgewogen durch die Urtextausgabe, die wir dank des Autographen-Zugangs nun anfertigen konnten. Ich war Feuer und Flamme für die Sache. Denn schon der erste flüchtige Vergleich des Schumann'schen Autographs mit der damals einzig existenten Druckausgabe des Werks (= Karl Geiringers verdienstvolle Erstausgabe von 1939) zeigte sofort an vielen Stellen zum Teil gravierende Abweichungen. Ein Eintrag Clara Schumanns über bezahlte Kopiaturkosten für die Es-dur-Variationen Schumanns im Haushaltbuch (April 1855) bewies mir, dass Schumanns Autograph professionell abgeschrieben worden war (wie gut, dass wir die Haushaltbücher haben). Vielleicht war diese Abschrift zu Schumann nach Endenich geschickt oder gar durch Brahms ihm überbracht worden? Ich machte mich auf die Suche und wurde schnell in der bedeutendsten Brahms-Bibliothek der Welt fündig: Die Bibliothek der "Gesellschaft der Musikfreunde in Wien" besitzt tatsächlich diese Abschrift und nach dem Studium dieser bislang unbekannten Quelle war schnell klar, dass sie handschriftliche Korrekturen (wahrscheinlich auch) von Schumann enthält, hier und da hilft sie, die teilweise schwer leserliche Handschrift des Autographs zu entziffern und schließlich konnte ich nachweisen, dass die Wiener Abschrift als Druckvorlage für Geiringers Erstausgabe diente (der hier und da verändernd eingriff). 

Nach mühevoller Vergleichsarbeit konnte ich damals erstmals den korrekten Notentext der "Geistervariationen" herstellen. Seither liegt die Urtextausgabe vor. Die Fülle an zusammengetragenen Informationen sprengte den Rahmen einer normalen Urtext-Kommentierung im G. Henle Verlag. Also schrieb ich einen Aufsatz, der alle Informationen, entstehungs-, werk-, quellen- und textgeschichtlicher Art zu den "Geistervariationen" zusammenträgt. Meinen besonders intensiv interessierten Lesern des Schumann-Forums 2010 kann ich an dieser Stelle den Download dieses umfangreichen Textes anbieten. 

» Download des Aufsatzes (PDF, 9 MB)

Wolf-Dieter Seiffert: Robert Schumanns Thema mit Variationen Es-Dur, genannt "Geistervariationen", in: Compositionswissenschaft. Festschrift Reinhold und Roswitha Schlötterer zum 70. Geburtstag; herausgegeben von Bernd Edelmann und Sabine Kurth, Augsburg [Verlag Wißner, ISBN 978-3896391704] 1999, Seiten 189-214. 

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Robert und Clara Schumann
Robert und Clara Schumann

Mit diesem "Abschied in Es" (der Titel ist einem Vortrag entliehen, den Michael Struck, Bordesholm, im April 2010 auf dem Leipziger Schumann-Kongress über die "Geistervariationen" hielt) verabschiede ich mich von Ihnen, liebe Leser, und schließe das Schumann-Forum 2010. Das ganze Jahr hindurch, alle 14 Tage hatte ich die Freude und das Vergnügen, mich für Sie mit Schumann-Aspekten zu befassen, meist mit der Brille des Verlagsleiters des G. Henle Verlags auf der Nase.

Ich danke den zahlreichen Lesern, die regel- oder unregelmäßig neugierig nachsahen, was es Neues gab, allen, die sich die Mühe machten, mir auf dies und das Ihre Meinung zu senden und Ihnen allen, die vielleicht auch nach Ablauf des "Schumann-Jahres" 2010 hier wieder vorbeischauen und sich über Schumann informieren und unterhalten lassen. Statt eines (der sonst üblichen) YouTube-Links heute ein Ausschnitt aus dem Schlusskapitel von: Peter Härtling, Schumanns Schatten (München [dtv] 92010, S. 383 f.): 

Alle andern traten zu Seite. Schumann hat sie sofort erkannt. Und er ist doch wirklich schon aus der Welt gewesen. Er hat die Arme gehoben, wieder sinken lassen und wieder gehoben und sich im Bett aufgesetzt. Sie hat sich neben das Bett gekniet. Ihr Kleid raschelte. Wieder hat er die Arme gehoben, sehr langsam, gegen ein großes Gewicht, und sie umarmt. Lange haben sie sich in den Armen gelegen. Das ist wahr. Die anderen haben den Atem angehalten. Und ich habe nicht mehr hingesehen.

 

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