Schumann-Jahr 2010

Schumann Forum 2010

"Schumanns Fantasie Opus 17 (und Franz Liszts h-moll-Sonate)"

von Wolf-Dieter Seiffert
Geschäftsführer G. Henle Verlag

15. September

 

„Diese unvergessliche Intensität im dritten Satz der Fantasie! Sviatoslav Richter äußerte sich einmal, dass er Hemmungen hätte, den dritten Satz zu spielen, weil er so grenzenlos innig ist.“
(Elisabeth Leonskaja)

„Für mich ist die C-Dur-Fantasie Schumanns größtes Klavierwerk.“
(Rudolf Buchbinder)

„In ihren inneren poetischen Dimensionen gehört für mich die Schumannsche Fantasie zu den besten Werken der gesamten Musikliteratur.“
(Lars Vogt)

Die vorstehenden Zitate entstammen einigen Antworten meines Fragebogens zum Schumann-/Chopin-Jahr, den im Verlauf des Jahres nun schon so viele große Pianisten so lesenswert beantwortet haben:

>> 9 Fragen

Alle sind sich darin einig, dass Robert Schumanns Fantasie op. 17 ein unübertroffenes Meisterwerk ist. Viele Pianisten zählen es sogar zu den besten Klavierstücken aller Zeiten. Die C-dur-Fantasie muss also unbedingt eine Hauptrolle in unserem „Schumann-Forum 2010“ zugewiesen bekommen. Heute ist es soweit.

Bekanntlich hat Schumann seine 1839 erschienene Druckausgabe der C-dur-Fantasie Opus 17 keinem Geringeren als Franz Liszt gewidmet: „Herrn Franz Liszt zugeeignet“. Liszt wiederum widmete seine 1854 im Druck erschienene h-moll-Sonate Robert Schumann: „An Robert Schumann“. Wie elektrisiert war ich, als mich Lars Vogt, der gefeierte deutsche Pianist, darauf aufmerksam machte, dass Schumann im selben Jahr (Februar 1854) seinen Suizidversuch unternahm. Natürlich dürfte das ein Zufall sein. Aber kein Zufall ist dann die Widmung Liszts (auch im Tonfall): Denn das ist ein schwergewichtiger musikalischer Gruß an den hoffnungslos in Endenich siechenden „Freund“. Ich setze das „Freund“ in Anführungszeichen, weil das Verhältnis der beiden ja durchaus nicht ungetrübt war.

Lars Vogt und Dr. Wolf-Dieter Seiffert

Darüber, und über diese beiden wohl bedeutendsten Klavierwerke des 19. Jahrhunderts, sprach ich vor dem Mikrophon mit Lars Vogt.

Lars Vogt hat nämlich vor kurzem Schumanns C-dur-Fantasie op. 17 und Franz Liszts h-moll-Sonate im Studio aufgenommen. Seine CD mit der ungemein beziehungsreichen Kombination beider Großwerke wird voraussichtlich in wenigen Tagen erscheinen.

Schumann wusste, dass er mit diesem Werk etwas Besonderes geschaffen hatte. Seiner Braut Clara gegenüber meinte er: „Der erste Satz ist wohl mein Passioniertestes, was ich je gemacht“, um dann sofort beziehungsreich anzuschließen: „— eine tiefe Klage um Dich“. Nun, nach „Klage“ klingt es ja zu Beginn nicht, eher nach großem Glück und „Weltumarmung“ (Lars Vogt). Lars Vogt sieht in diesem großartigen Anfang der C-dur-Fantasie eher die ersehnte Erfüllung seiner Liebe:

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Schumann stellte bekanntlich als Motto der C-dur-Fantasie eine Strophe Friedrich Schlegels voran; in diesem Motto geht es um den „leisen Ton“, den nur derjenige hören kann, „der heimlich lauschet“:

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Gewaltig ist dieser erste Satz angelegt, für Lars Vogt ist „das ganze Leben darin, alles!“

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Den zweiten Satz empfindet Lars Vogt als eher untypisch für Schumann, weil er sehr „heroisch“ und ungeheuer auftrumpfend ist. Aber der Anfang beginnt trotz der gewaltigen Akkorde und der Vorschrift „Durchaus energisch“ nicht im Fortissimo und auch nicht im Geschwindmarsch, sondern im Mezzoforte und „Mäßig“, worauf Herr Vogt klug aufmerksam macht:

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Und hier kommt Franz Liszt ins Spiel. Denn bekanntlich ist der ganze 2. Satz pianistisch-technisch nur sehr schwer zu bewältigen, und dessen Schluss mit der Stretta ab Takt 232 ff. („Viel bewegter“) ist wahrscheinlich eine der gefürchtetsten Partien des gesamten Klavierrepertoires. Die dort verlangten Akkordsprünge in beiden Händen mit gleichzeitiger Melodie- und gegenläufiger Basslinie bei raschem Tempo sind nahezu unspielbar. Für Franz Liszt gewissermaßen pianistische Peanuts. Herrlich liest sich das in den „Personal Recollections of Chats with Liszt“ von Anton Strelezki (London 1893, S. 4 f.):

He [Schumann] asked me to proceed with the ‘March’, after which he would give me his criticism. I played the second movement, and with such effect that Schumann jumped out of his chair, flung his arms around me, and with tears in his eyes, cried: “Göttlich!”

Lars Vogt liest das „Viel bewegter“ am Beginn der Stretta des zweiten Satzes nicht so sehr als Tempoangabe denn als Charakterbezeichnung. Natürlich sei der Schlussteil ein bewusstes „Überdrehen“, ein „an die Grenze des Möglichen oder darüber hinaus Gehen“. Dennoch sollte bei der Aufführung die innere Steigerung des Erregungszustands stärker als das rein äußerlich Virtuose spürbar werden:

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Der Kontrast zwischen dem zweiten und dem dritten Satz in seiner Ruhe, seinem Frieden und dem Hymnus könnte nicht größer sein. „Langsam getragen. Durchweg leise zu halten“ überschreibt Schumann ihn. Kein Zweifel: Hier setzt sich „Eusebius“ gegen den lebhafteren und sprunghafteren „Florestan“ endgültig durch:

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Franz Liszt, dem die C-dur-Fantasie immerhin gewidmet wurde, hat diese erstaunlicherweise nie öffentlich gespielt. Er war der Ansicht, dass sie für das große Publikum zu schwierig zu verstehen sei. Vielleicht hängt das mit diesem dritten Satz zusammen. Darauf deutet doch auch die Meinung Sviatoslav Richters hin (siehe oben), wenn er von dem „grenzenlos innigen“ dritten Satz spricht, der ihn geradezu hemme. Denn der dritte und letzte Satz des Opus 17 bringt die Zerrissenheit der menschlichen Seele im Sinne einer versöhnenden Synthese und metaphysischen Verklärung zusammen. Durchaus vergleichbar dem inneren Programm der h-moll-Sonate Liszts, die ja ebenfalls, und noch expliziter als bei Schumann, das Dämonische und das Himmlische (alles gestaltet aus einem einzigen musikalischen Kerngedanken!) vehement konfrontiert und schließlich im dreifachen Pianissimo ausklingen lässt. Liszt wusste um die seelischen Nöte, die einen Hochsensiblen peinigen können, und er wollte dies mit der Widmung seiner bedeutendsten Klavierkomposition – die er übrigens ebenfalls selbst nie öffentlich spielte – an den bereits im Irrenhaus in Endenich Verstummten auch mitteilen. Lars Vogt, der in unserem Gespräch begeistert und in tiefer Kenntnis auch ausführlicher über die h-moll-Sonate Liszts sprach, fasst diesen Gedanken wie folgt abschließend zusammen:

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Gedanken zum Schluss von Schumanns Fantasie

 

Was Sie hier sehen, ist die letzte Seite der C-dur-Fantasie op. 17 in der Handschrift des Schumann-Kopisten Carl Brückner aus Leipzig. Warum zeige ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des „Schumann-Forums 2010“, gerade diese letzte Seite? Weil sie den ursprünglich von Schumann intendierten Schluss der C-dur-Fantasie zeigt. Wie Sie erkennen können, sofern Sie die C-dur-Fantasie kennen, griff Schumann nämlich ursprünglich auf den wundervollen Schluss des ersten Satzes der Fantasie zurück, um das gesamte Stück abzuschließen. Und das ist bekanntlich jene berührende Stelle, an der Schumann mit einem Beethoven-Zitat hinüberwinkt an seine Braut Clara: „Nimm sie hin denn, diese Lieder“ (aus Beethovens Liederzyklus Opus 98 „An die ferne Geliebte [= Clara]“).

Aber Schumann strich diesen Gedanken eindeutig durch und ersetzte ihn durch die bis heute bekannten Schlusstakte. Sie finden sich daher auch so in der von Schumann überprüften und autorisierten Erstausgabe. Hätte diese Vorlage für die Erstausgabe nicht überlebt, wir wüssten nichts von dieser Vorstufe. So aber können wir Musikwissenschaftler und Musiker darüber spekulieren, ob Schumann mit dieser Streichung nicht vielleicht den ursprünglich „besseren“ Schluss verwässerte. Es gibt durchaus ernst zu nehmende Künstler, die dieser Ansicht sind. So existiert zum Beispiel eine DVD mit dem großen Musikwissenschaftler und Pianisten Charles Rosen, der die C-dur-Fantasie mit diesem ursprünglichen Schluss spielt und dies auch erläutert. Und im kommenden Jahr wird eine Doppel-CD des Pianisten András Schiff erscheinen (ECM), die sogar beide Versionen enthält (auf YouTube kann man übrigens den Mitschnitt eines Schiff-Konzerts sehen und hören, aus dem ersichtlich wird, welche der beiden Fassungen er bevorzugt). Alan Walker, der große Liszt-Forscher hat eigens einen Aufsatz zu dieser Thematik geschrieben und stellt die Budapester Handschrift in einen spannenden biographischen Kontext (Schumann, Liszt and the C Major Fantasie, Op. 17: A Declining Relationship, in: Music and Letters [1979], S. 156-165).

1987 wurde die C-dur-Fantasie im Henle Verlag textlich revidiert, weil wir Zugang zu der Budapester Abschrift erhielten. Alle Auflagen zwischen 1987 und 2003 unserer Henle Urtextausgabe von Schumanns Opus 17 enthielten – in Kleindruck als Fußnote – als Zusatzinformation auch diesen ursprünglichen Schluss. Seit wir im Jahr 2003 die erneute kritisch revidierte Ausgabe herausgebracht haben, verzichten wir auf diesen Zusatz; es erfolgt nur ein Hinweis im Kritischen Bericht. Seither bekommen wir immer wieder Briefe von Pianisten, die sich nach dem Grund dafür erkundigen, weil sie den ursprünglichen Schluss für sehr interessant, wenn nicht gar für besser halten.

Exklusiv für meine Leserinnen und Leser dieses Forums biete ich nochmals, und nur an dieser Stelle die entsprechende Seite aus der vergriffenen Henle-Ausgabe mit dem Abdruck der ursprünglichen Version des Schlusses der C-dur-Fantasie. 

Zum kostenlosen Download der Notenseite (pdf) >>


Warum bietet unsere neue, aktuelle Urtextausgabe diesen Zusatz nicht mehr an, werden Sie sich sicherlich fragen. Nun, die Antwort hat viel mit der Verantwortung zu tun, die wir als Editoren und Verleger haben. Wie bereits gesagt, ist Schumanns Willen eindeutig. Er will nicht, dass die aus seiner Sicht überholte Version gespielt wird. Er hat sie deutlich gestrichen und das Gewünschte notiert. Er las gewissenhaft Korrektur der Erstausgabe. Sie ist Schumanns letztes Wort. Das haben wir alle zu respektieren. So sehr es aus Sicht des Studierenden hoch interessant ist, zu sehen, wie die C-dur-Fantasie zu dem wurde, was sie heute ist, so wenig hat das etwas mit einer Urtextausgabe zu tun. Wir wollen unseren Musikern nicht Frühversionen verschiedener Teile aus den Vorstufen präsentieren, sondern den korrekten, vom Autor legitimierten Text. Daher war es ein Fehler, in einigen Auflagen den ursprünglichen, aber eben von Schumann selbst verworfenen Schluss des Werkes abzudrucken (es sieht fast wie ein „Ossia“ aus, wenn es auch nicht als solches deklariert ist; siehe das PDF oben).

Stimmen Sie mir zu? Sind Sie anderer Meinung? Bitte schreiben Sie mir doch kurz zu dieser brisanten Thematik Ihre Gedanken: davidsbuendler@henle.com. Ich werde mich dafür bedanken und den ersten drei Einsendern die in wenigen Tagen erscheinende CD von Lars Vogt, signiert von diesem faszinierenden Künstler, als Dankeschön zuschicken.




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