Schumann-Jahr 2010

Schumann Forum 2010

Schumanns Metronomangaben. Ärgernis oder Chance?

von Wolf-Dieter Seiffert
Geschäftsführer G. Henle Verlag

15. Juni

 

Ein heißes Eisen, ich weiß! Viele Musiker wollen gar nichts von Metronomangaben wissen, selbst wenn diese vom Komponisten vorgeschrieben sind. Wunderbar pointiert brachte das der große Dirigent Sergiu Celibidache zum Ausdruck:

„Tempo ist nicht zu definieren. Tempo hat keine eigene Existenz, es
kann also weder falsch noch richtig sein.
Was die Welt überhaupt noch nicht verstanden hat:
Tempo hat nichts mit Geschwindigkeit zu tun [...]. Es gibt nicht ein einziges Tempo, das Sie von Berlin nach London mitnehmen können [...] Metronomangabe ,92’. Was ist 92? [...] Eine Idiotie! Denn jeder Saal, jedes Stück, jeder Satz hat ein eigenes, absolutes Tempo, was diese Situation – nicht eine andere – wiedergibt.“

 

(aus: Stenographische Umarmung. Sergiu Celibidache beim Wort genommen, Con Brio Verlag 2002).


Nun gilt aber zweifellos, dass der Charakter eines Stücks ganz wesentlich von seiner prinzipiellen Temponahme geprägt wird, ungeachtet des Aufführungsortes. Ein flüssigeres Grundtempo wirkt nun einmal anders als ein stockendes. Deshalb ist die heute im Schumann-Forum 2010 angesprochene Thematik für Musiker von besonderem Interesse.

Als Urtext-Verlag halten wir die originalen Metronomangaben für unbedingt wichtig und mitteilenswert, weshalb diese in unseren Notenausgaben auch sämtlich wiedergegeben werden. Dankenswerter Weise hat uns die Robert-Schumann-Forschungsstelle e. V. Düsseldorf sämtliche Metronomangaben Schumanns in einer sehr nützlichen Tabelle zusammengefasst (alle Opuszahlen, die in der Liste fehlen, wurden von Schumann nicht mit Metronomangaben versehen):

Liste der Metronomangaben

Schumanns Metronomangaben sind mindestens so umstritten in ihrer Gültigkeit und Verbindlichkeit, wie diejenigen Beethovens. Vieles erscheint uns extrem zu schnell, vieles wiederum viel zu langsam. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich in jedem Falle lohnt, diese Angaben nicht zu ignorieren, sondern sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Sie sind eine Chance, kein Ärgernis (wenn man danach immer noch in deutlich anderem Grundtempo als von Schumann vorgeschrieben, spielt, dann ist das wenigstens ein bewusster Akt).

Für das Schumann-Forum führte ich ein Telefoninterview mit einem der besten Schumann-Kenner, mit Dr. Michael Struck (Musikwissenschaftler, Pianist und „Schumann-Preisträger 2009“ der Stadt Zwickau). Dr. Michael Struck Er hat sich intensiv der Thematik der Metronomangaben bei Schumann gewidmet und dazu in den letzten Jahren einige viel beachtete Aufsätze verfasst. Dr. Struck regt an, dass sich Musiker viel ernsthafter mit den Schumannschen Metronomangaben befassen sollten, denn sie sind weder falsch noch unspielbar. Schumann (und seine Zeit) versteht unter „Langsam“ ein deutlich flüssigeres, bewegteres Tempo, als wir heutigen. Man beraubt sich, so Struck, als Musiker der Chance, eine aufregend neue Erfahrung zu machen, würde man die deutlich frischeren Tempovorstellungen Schumanns ignorieren. Im Telefoninterview (auf Deutsch) stelle ich Dr. Struck die entscheidenden, prinzipiellen Fragen zur Korrektheit und Echtheit der Schumannschen Metronomangaben.

interview_struck.mp3

Sie, liebe Leser/innen, können eine Zusammenfassung dieses Interviews (deutsch/englisch) auch gerne hier nachlesen.

Michael Struck hat für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) eine Sendung (Erstausstrahlung am 11. November 2006) zur Thematik der Metronomangaben bei Schumann produziert. Dabei geht er auch ausführlich auf die „Kinderszenen“ ein (und spielt sie im Anschluss in den originalen Tempi). Mit freundlicher Genehmigung des NDR darf ich Ihnen hier einen etwa 11 Minuten dauernden Ausschnitt aus dieser sehr hörenswerten Sendung vorführen.

radiosendung_struck.mp3

In 14 Tagen, am 1. Juli, werde ich Sie, liebe Leser/In, an dieser Stelle mit einer schockierenden Probe aufs Exempel konfrontieren, nämlich mit der berühmten „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“ im originalen Schumann-Tempo. Damit verabschiede ich mich für heute, wie immer mit davidsbündlerischen Grüßen aus München,

Ihr

Wolf-Dieter Seiffert

PS: Haben Sie herzlichen Dank für die vielen zustimmenden Zuschriften zu meinem vorausgehenden Beitrag zu Schumanns Geburtstag.

 

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