Schumann-Jahr 2010

Schumann Forum 2010

„Vogel als Prophet“

von Wolf-Dieter Seiffert
Geschäftsführer G. Henle Verlag

01. Mai

 

Im wunderschönen Monat Mai, liebe Leserinnen und Leser, wird es konkret. Ich will Ihnen zwei Klavierstücke Schumanns vorstellen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“ op. 82 und, am 15. Mai, die C-dur-Toccata op. 7. Damit ist auch gleich die ungeheure geistige, kompositorische und manuell-technische Spannweite von Robert Schumanns Klavierschaffen umrissen. Vom introvertiert-unruhigen Klavierstück mit geradezu religiöser Bedeutungstiefe – für den einigermaßen geübten Klavierspieler gut „machbar“ –, bis zur „unspielbaren“ Toccata, die schier unerschöpfliche Energie und nach außen gekehrte, ungetrübte Lebensfreude ausdrückt.

 

 

Ich hoffe, auf den folgenden Seiten auch für die vielen professionellen Pianisten unter meinen Lesern noch etwas Neues bieten zu können.

 

„Vogel als Prophet“

Schumanns „Waldszenen“ op. 82 erschienen vor 160 Jahren (1850) erstmals im Druck. Heute gibt es nicht Wenige, die sich gerne ein bisschen herablassend zu dieser Wanderung durch den „musikalischen Zauberwald“ (so ein Rezensent im 19. Jahrhundert) äußern. Sie schätzen und lieben den jungen, innovativen, genialen Schumann und wollen die Subtilitäten der gemäßigten „Waldszenen“ nicht gleichermaßen schätzen. Davon ausgenommen ist sicher die Nummer 7: Der rätselhafte, unerhört poetische „Vogel als Prophet“ hat bis heute seine besondere Anziehungskraft auf die Klavierspieler und Zuhörer behalten.

Es mag arrogant und furchtbar beckmesserisch klingen: nur ganz wenige Einspielungen des „Vogel als Prophet“ sind meines Erachtens wirklich rundum überzeugend. Es gibt wunderbar tänzerisch-leichte Aufnahmen, wie zum Beispiel die von Claudio Arrau oder von Alfred Cortot, verträumt-sinnende, wie zum Beispiel die von Arthur Rubinstein oder Myra Hess, und auch äußerst eigenwillige wie die historische Aufnahme von Vladimir de Pachmann oder die Violinbearbeitung von Jascha Heifetz. Das sind alles wertvolle und sehr hörenswerte Zeugnisse aus der Rezeptionsgeschichte des Stückes (alle genannten und viele mehr sind in YouTube abrufbar). Ihnen allen mangelt es aber an einer meiner Überzeugung nach wesentlichen Voraussetzung: es mangelt an Texttreue.

Denn der „Vogel als Prophet“ fällt unter (fast) allen anderen Schumann-Stücken dadurch aus dem Rahmen, als es das rechte (und linke) Pedal zu einem Hauptakteur der Klangsprache macht. Die Pedalzeichen sind von ihm hier höchst penibel vorgeschrieben. Betrachten Sie Schumanns Handschrift des Stücks. Es kann kein Zweifel an der Absicht Schumanns bestehen, und so ist sie auch korrekt in der Urtextausgabe des G. Henle Verlags abgedruckt.

 Schumanns Autograph der „Waldszenen“ ist übrigens der Faksimile-Ausgabe des G. Henle Verlags, Bestellnummer HN 3217, entnommen.

Fazit: Die Pedalangaben Schumanns sind ernst gemeinter Bestandteil der Komposition. Doch kaum einer hält sich dran. Neben der von vielen Klavierfans zurecht so geschätzten Aufnahme Clara Haskils (auch auf YouTube) existieren mindestens (höchstens?) zwei Aufnahmen, die nicht nur korrekt Schumanns Notentext inklusive der wichtigen, raffinierten Pedalvorschriften umsetzen, sondern auch äußerst stimmungsvoll gelungen sind: Die eine ist erst kürzlich auf CD erschienen und stammt von Andreas Staier [Robert Schumann: "Hommage à Bach". Harmonia Mundi France HMC 901989] und fängt, auf einem Erard-Flügel gespielt, den Zauber des Stückes herrlich ein. Die andere stammt von Wilhelm Backhaus. Es gibt eine Studio- und eine Live-Aufnahme von Backhaus, beide Mitte der 1950er-Jahre entstanden. Hier stimmt einfach alles. Die Live-Aufnahme aus der Carnegie-Hall mit der „Vogel als Prophet“-Zugabe ist besonders stark gelungen (ab 2:10; voraus geht eine atemberaubende f-moll-Etüde op. 25/2 von Chopin und eine kuriose improvisierte Modulation zum Schumann-Stück):

[Video nicht mehr verfügbar]

Die im Handel vom Label Profil erhältliche Backhaus-Live-CD (ein Muss für jeden Klavier-Fan; darin als Hauptwerk eine spektakuläre „Hammerklavier-Sonate“) hat die Nummer PRF 07006.

Ich kenne natürlich nicht alle bei www.arkivmusic.com (der weltweit ersten Quelle für Tonaufnahmen) gelisteten etwa 50 lieferbaren Aufnahmen des „Vogel als Prophet“, aber doch sehr viele. So „richtig“, wie es Backhaus spielte, macht es, außer Staier in jüngster Zeit, sonst keiner.

Für alle Leser, die sich dafür interessieren, wie und warum Schumann das Pedal im „Vogel als Prophet“ so als wesentlichen Werkbestandteil einsetzt, und für alle Klavierspieler, die sich über aufführungspraktische Hinweise anderer Art freuen (Fingersatz-Tipps und Lösungsvorschläge für die orthographisch falsch notierte Hauptfigur), habe ich folgenden kleinen Text geschrieben. Er befasst sich natürlich auch mit der Musik selbst und wie ich sie, subjektiv, deute. Dabei kann ich auch erstmals nachweisen, welches Stück Robert Schumann im G-dur-Mittelteil zitiert:

Robert Schumann, „Vogel als Prophet“ (Nr. 7 aus „Waldszenen“ op. 82). Einige Gedanken und Ausführungsvorschläge

Die in diesem Text niedergeschriebenen Ideen habe ich in die drei Notenseiten der G. Henle Ausgabe übertragen. Wer sich also konkret am Klavier mit Schumanns „Vogel als Prophet“ auseinandersetzen will, druckt sich Folgendes aus:

„Vogel als Prophet“ mit Einzeichnungen

Rudolf Buchbinder An dieser Stelle können Sie lesen, was Rudolf Buchbinder auf meine neun Fragen zu seinem Verhältnis Schumann/Chopin antwortet: 9 Fragen

Ich freue mich wieder auf Ihren Besuch am 15. Mai (Schumann, C-dur-Toccata op. 7).

Zum 1. Mai will ich Ihnen noch einen merkwürdigen Vogel auf den Bildschirm zaubern (der kurze vorausgehende Werbefilm gehört nicht zum Eigentlichen):

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