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Die Zukunft der Musikalie im digitalen Zeitalter

Vortrag auf der AIBM-Jahrestagung im September 2012 in Frankfurt am Main

von Wolf-Dieter Seiffert

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Sehr geehrte Damen und Herren,


hat nicht längst schon das letzte Stündlein der guten alten „Musikalie“ geschlagen und nur ein paar Ewiggestrige haben es bloß noch nicht gemerkt? Ist der Zug nicht schon längst in Richtung Digitalisierung abgefahren und hat die Musikalien bereits aufs Abstellgleis geschoben? Stimmt es nicht, dass Musiker heute immer stärker digitale statt analoge Noten nachfragen?

Denn das digitale Notenangebot hat vielfältige Vorteile: Man kann abertausende Musikstücke auf kleinstem Raum speichern, sammeln und jederzeit in Sekundenschnelle darauf zugreifen; man kann sich die Notenseiten auf dem heimischen Drucker bequem ausdrucken und potentiell unendlich oft vervielfältigen; man kann diese Daten mit Freunden rund um die Welt austauschen; dank einer Vielzahl von Zusatz-Software lässt sich die Notennutzung multimedial bereichernd erweitern.

Welche Chance hat gegen solch eine faszinierende Konkurrenz die gute alte Papier-Musikalie? Wie will sie dagegen bestehen? Ist es nicht bereits entschieden: Je mehr digitale Noten im Netz stehen, desto weniger besteht Bedarf nach Musikalien, insbesondere, wenn das digitale Angebot sogar meist noch kostenlos, die Musikalie womöglich teuer ist?

Ich bin freilich nicht der einzige Besorgte, der sich diese Fragen stellt, meine Damen und Herren. Die Branche – die Buchverlagsbranche mehr noch als die Musikverlagsbranche – ist seit Jahren in schierem Aufruhr. Es wird viel geredet, gemutmaßt, gehandelt. Wir alle meinen zu wissen: Der Umbruch ist gekommen, die Welt wird total digital, das Analoge hat verloren. Man hört: Der Umbruch vollzieht sich zwar nicht von heute auf morgen, er ist aber angeblich unaufhaltsam. Das Überleben oder eben Nicht-Überleben ganzer Berufsstände scheint von der digitalen Revolution betroffen: Wer braucht noch Musikverleger, wenn Autoren ihre Werke selbst digital herstellen und ins Netz bringen? Wer Musikalienhändler, wenn vor allem digitale Noten auf den Heimdrucker downgeloaded werden und die wenigen Nostalgiker, die von Haptik und gutem Papiergeruch schwafeln, ihre Musikalien über Nacht bei Amazon bestellen und zuverlässig per Post beliefert werden? Wer braucht Musikbibliothekare, wenn sich die aktiv Musizierenden den Gang in die Bibliothek sparen können, weil sie sich ihre Informationen und die Noten im Netz holen, bei Google books, bei Petrucci oder auch bei Ihnen selbst, meine Damen und Herren Bibliothekare, den großen und kleineren Musikbibliotheken mit ihren täglich gewaltig anwachsenden digitalen Angeboten?

Wie steht es also um die Zukunftsfähigkeit der Musikalie im längst angebrochenen digitalen Zeitalter?

Niemand kann seriös die Zukunft vorhersagen, aber darauf kommt es auch nicht an, wie der alte Stratege Perikles bereits vor 2.500 Jahren gesagt hat. Es kommt vielmehr darauf an, auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Und das kann man nüchtern und sorgfältig tun, indem man die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit mit der aktuellen Situation vergleicht, indem man sich das Verhalten der Zielgruppe, der Musiker, genau ansieht und mit ihnen in engem Kontakt steht, woraus man Rückschlüsse auf die nähere Zukunft ableiten kann. Genau darum soll es im Folgenden gehen.

  

 

Ein Blick zurück

Unfassbar, was sich in den vergangenen Jahrzehnten ereignet hat: Als ich Student war, also vor ungefähr zwanzig bis dreißig Jahren, gab es kein Internet; kein Weg ging am Musikalienhändler oder an der Musikbibliothek vorbei, wenn ich ein neues Musikstück spielen wollte. Ich konnte schon damals in den „Copyshop“ gehen und für etwa 10 Pfennig pro Seite ausgeliehene Musikalien fotokopieren. Auf Schwarz-weiß-Roll-Mikrofilmen konnte ich mir mit Hilfe eines Lesegeräts dank unterschiedlich einsetzbarer Objektive die meist zerkratzten Vorlagen zum Beispiel einer alten Handschrift ansehen. In manch fortschrittlicher Bibliothek konnte man sich die Seiten auf wohlriechendes Papier ausdrucken, um dann den Stimmensatz von Hand zu spartieren. Studenten von heute hören solche Geschichten mit dem wohligen Schauer der unendlichen Überlegenheit über solche Steinzeitmethoden. Dabei ist das erst zwanzig bis dreißig Jahre her!

Die Situation heute: Was tue ich heute, wenn ich ein neues Stück einstudieren will? Oder anders, genereller gefragt, was tut unsere Zielgruppe heute? Vermutlich werden Sie nun überrascht oder enttäuscht sein zu hören, dass in der Welt der Musik der revolutionäre Umbruch durchaus noch nicht stattgefunden hat: Die Musikalie lebt, sie ist erstaunlich robust, in aller Hände, in Gebrauch, sie strotzt vielleicht nicht mehr vor Gesundheit, aber sie wird bei Musikern weltweit nach wie vor als Medium Nummer eins durch kein noch so digitales Angebot angefochten. Sie ist keineswegs auf dem Rückzug, im Gegenteil: Niemals zuvor wurden von Musikverlagen so viele Musikalien hergestellt wie heute. Glauben Sie im Ernst, meine Damen und Herren, dass Wirtschaftsunternehmen Produkte in großer Zahl herstellen, die sie nicht verkaufen können? Nehmen wir alle Musikverlage weltweit zusammen, und der amerikanische, nicht der deutsche Verleger-Markt spielt hier die erste Geige, so dürften pro Jahr mehrere zehntausend kommerzielle Musikalien-Neuerscheinungen zu registrieren sein. Ich spreche nicht von Digitalangeboten, sondern von gedruckten und gebundenen Musikalien. Allein für Deutschland vermeldet das Deutsche Musikarchiv 7.110 gedruckte Musikalien-Neuerscheinungen für 2011.1)  Und noch etwas ist für den Blick in die Zukunft wichtig: Die Zahlen sind konstant, kein Rückgang, sondern Stabilität bei den neuen Musikalien aus Deutschland. Der G. Henle Verlag trägt mit etwa 50 Neuerscheinungen pro Jahr dazu bei. Der größte Notenverlag der Welt, Hal Leonard in Milwaukee (USA), bringt es pro Tag (!) auf 50 neue Titel, gedruckt und gebunden. Eine weitere wichtige Kennzahl, wahrscheinlich die wichtigere, ist die Entwicklung von Auflagenhöhen. Verlässliche Zahlen fehlen hierzu, aber für den Klassik-Bereich vermute ich doch stark, dass sie bei allen Verlagen rückläufig sind. Eine aktuelle Statistik des DMV, Deutscher Musikverleger Verband, dokumentiert, dass der Verkauf von Noten, das sogenannte „Papiergeschäft“, über die letzten Jahre sehr stabil verlaufen ist. Im Geschäftsjahr 2011 lag der Papierumsatz bei ca. 63 Mio. Euro (zum Vergleich: vor fünf Jahren bei 55 Mio. Euro); man muss allerdings wissen, dass Musikverlage ihren wesentlichen Umsatz schon lange nicht mehr aus dem Papiergeschäft generieren, sondern aus der Verwertung von Urheberrechten2).  Das Papiergeschäft macht laut DMV-Bericht nur etwa 10 bis maximal 15 % des Gesamtumsatzes der deutschen Musikverlagsbranche aus. Und auch innerhalb des Papiergeschäfts müssen wir unterscheiden: Der Großteil dieser Notenprodukte ist recht kurzfristiger Natur, nämlich aus dem Pop-Bereich. Wer gestern die Hits der Kelly-Family nachspielen wollte, tut das heute mit den Number-One-Hits von Adele. Die Musikalie der sogenannten klassischen Musik ist demgegenüber ein wesentlich stabileres und dem Umsatz nach bescheideneres Geschäft: Es gibt kaum Ausschläge nach oben und unten. Kein Geheimnis ist jedoch, dass es in diesem Bereich seit Jahren langsam und stetig bergab geht. Die diversen Verlage sind hierbei unterschiedlich betroffen, aber ganz pauschal und global gesprochen befinden sich die Musikalien-Absatzzahlen der Klassik deutlich unter früheren Werten.

Das weltweite digitale Klassik-Notenangebot spielt dabei, behaupte ich, als Konkurrent eine eher untergeordnete Rolle. Jedenfalls noch. Ein Hauptgrund ist viel umfassender, nämlich die katastrophale demographische Entwicklung in Europa, Japan und Korea, Hauptabsatz-märkte der klassischen Note. Hinzu kommt noch ein nachweisliches Schwinden des allgemeinen Interesses am Musikmachen, vor allem der technisch anspruchsvolleren klassischen Musik in den genannten Märkten.

Zwischenergebnis: Der herkömmliche Musikalienmarkt, global gesehen, ist insgesamt robust, im Popbereich volatil, im Klassikbereich seit Jahren ein träges Decrescendo. Die Musikalie ist gesund, hier und da ein Zipperlein, der nahende Exitus ist nicht in Sicht.

  

 

Was wird die nähere Zukunft bringen? Meine Zukunftsprognose

Es ist banal genug, aber muss an dieser Stelle gesagt sein: Nicht wir Musikverleger, Musikalienhändler und Musikbibliothekare steuern die Zukunft, sondern vor allem unsere Kunden, die Musiker. Ihr zukünftiges Nutzungs- und Kaufverhalten ist unser aller Kompass. Will der Noten benutzende Musiker nur noch Digitales statt Gedrucktem, werden wir Verlage unser Geschäftsmodell umstellen, so viel ist sicher. Denn wer den Kundenwunsch ignoriert, verliert. Will der Kunde Musikalien nur noch online und nicht mehr im Geschäft um die Ecke kaufen, dann wird beim Vollsortimenter dieses Segment vertrocknen und der auf Musikalien spezialisierte Fachladen wird schließen. Will der Kunde nicht mehr in die Bibliothek, muss sie ihm die Information online nach Hause liefern (viele Themen der diesjährigen Frankfurter AIBM-Jahrestagung scheinen mir tatsächlich in diese Richtung zu gehen).

Hier meine vierfache Zukunftsschau für die kommenden Jahre:

  1. Das digitale Notenangebot wird explosionsartig wachsen. Kostenlos ist und bleibt die Devise des Noten-Internets.

     
  2. Die gedruckte und gebundene Musikalie wird weiterhin eine starke Rolle spielen. Sie wird sich der digitalen Notenkonkurrenz gegenüber speziell dort gut behaupten, wo sie ihre besonderen Stärken ausspielen kann, wo sie dem Digitalen prinzipiell überlegen ist.

     
  3. Das Digitale schafft für kreative Verlage mehr Chancen als Schaden. Dabei hilft, dass die gesamte Herstellungskette der Verlage ohnehin schon digital ist.

     
  4. Das Nutzerverhalten weiter Musikerkreise (im Klassikbereich) ist und bleibt konservativ.

 

Zu 1.

Das digitale Notenangebot steht meiner Überzeugung nach heute erst am Anfang. Dank der vielfältigen Möglichkeiten, Musiknoten digital herzustellen und zu vertreiben bzw. digitale Notenbilder online bereitzustellen, wird sich der Markt in den kommenden Jahren noch wesentlich stärker ausdifferenzieren als er es bereits heute ist. Allein in quantitativer Hinsicht ist nur ein Bruchteil des jemals gedruckten und heute urheberrechtlich freien Repertoires im Netz.

Das Einstellen von präexistenten Notenbildern ins Netz ist denkbar unaufwändig und kostet „nur“ die Arbeitszeit des Einstellenden; die Speicherkapazität des Netzes ist schier unendlich. Das Gros dieses Angebots ist kostenlos und speist sich schmarotzend aus urheberrechtlich freiem Notensatz oder aus Bildquellen, einstmals finanziert und hergestellt von professionellen Verlagen. Das Internet ist insofern eine große Noten-Recycling-Anlage, gespeist von Musikfreunden, die ihre Zeit offenbar nicht sinnvoller einsetzen können, als hemmungslos zu scannen und upzuloaden. An die Spitze dieser Entwicklung hat sich zweifellos das Portal der „Petrucci“-Library gestellt, das inzwischen fast jeder Musiker weltweit kennt. Selbst zu Musikbibliotheken tritt diese „Library“ in Konkurrenz: Zahlreich sind bereits die Reproduktionen von Unikaten aus Ihren Musikbeständen, verehrte Anwesende, zum free download. Und es gibt darüber hinaus etliche Noten-Download-Portale, in denen man inzwischen 100.000e von Noten in der Regel kostenlos recyceln kann (ich verweise auf meinen Beitrag dazu in der NMZ vom Juni 2009. Und so sehen diese Seiten dann leider meist auch aus …3)  Kostenpflichtige digitale Notenbild-Angebote, wie beispielsweise das Portal „Nota-Fina“ des Schott Verlags, haben es gegen „kostenlos“, egal wie es aussieht, sehr schwer. Meine persönliche Meinung dazu: Solche Portale werden sich nicht dauerhaft durchsetzen.

Zusätzlich zu dieser Datenflut werden tagtäglich von Amateuren gänzlich neu hergestellte Noten ins Netz gestellt. Viele tausende selbstlose Musiker arrangieren, komponieren, kopieren oder transponieren für sich und für die ganze Welt bereits Musik-Files, entweder als Einzelkämpfer oder im Verbund mit Gleichgesinnten, die eine gemeinsame Notensatz-Software benutzen und ihre Produkte zum freien Download und zur Weiterverarbeitung anbieten, wie zum Beispiel „Capella”  oder „Musescore”.  Das ist, trotz des vielen Unfugs, des Fehlerhaften, des bemitleidenswert Hässlichen und Unbrauchbaren,4) das man im Noten-Netz neben durchaus Gelungenem findet, zunächst einmal eine positive Demokratisierung und Liberalisierung, die das Interesse an Musik und speziell an den Noten eher noch beflügelt. Diese Produkte von offenbar fleißigen (und begabten) Amateuren entstehen in der Regel unbelastet von einer professionellen Redaktion, einer Korrekturlesung oder eines Lektorats. Sie stellen sich damit mit einer gewissen Naivität bewusst in Konkurrenz zu den Produkten professioneller Notensetzer, Hersteller und Verlage. Als Anbieter von hochqualitativen Musikalien sehe zumindest ich als Vertreter des G. Henle Verlags solcher Konkurrenz gelassen ins Auge. Klar ist aber auch: Hier entsteht Vieles, das der Musikmarkt gar nicht (mehr) im Angebot hat, und das ist eine Bereicherung für Musiker.

Zu 2.

Die prinzipielle Überlegenheit der Musikalie vor dem Digitalen wird inzwischen selbst von manchem Musikverleger übersehen. Wir Hersteller und Distributoren von hochwertigen Produkten sollten jedoch gerade darauf stolz sein und deren Vorteile propagieren und uns nicht verstecken. Die Musikalie ist bekanntlich ein Gebrauchsgegenstand und übrigens deshalb auch grundlegend vom Medium des Buchs zu unterscheiden. Man benützt Noten, um aus ihnen zu musizieren. Man liest sie nicht bloß. Je besser und einfacher im „handling“ das Trägermedium diesem Zweck dient, desto befriedigender wird der längerfristige Umgang damit sein. Und genau hierin spielt die Musikalie ihre ganze Überlegenheit dem Digitalen gegenüber aus: Die Musikalie präsentiert die benötigte Information, die Noten, auf einem denkbar natürlichen und über 500 Jahre bewährten Medium: auf Papier. Das Produkt ist gebrauchsfertig von Fachleuten hergestellt und bedarf keiner Geräte, keiner Gebrauchsanweisung. Das technische Gerät steht prinzipiell zwischen mir und den Noten. Und das bringt bekanntlich oft genug einen völlig unnötigen, verunsichernden und den Musiker intuitiv abschreckenden Stör- und Problemfaktor ins Spiel. Ein paar Beispiele:

  • Die Technik braucht Strom, um zu funktionieren. Noten laufen seit 500 Jahren ohne Strom.
  • Die Technik kann kaputtgehen. Noten fallen seit 500 Jahren auf den Boden; man hebt sie auf und weiter geht’s.
  • Die Technik benötigt ständig Updates. Noten ziehe ich nach beliebig vielen Jahren aus dem Schrank, an der Stelle, an der ich sie eingestellt hatte, öffne sie und spiele daraus.
  • Die Technik veraltet schneller, als man ein Stück einüben kann. Heute aktuell downgeloadete und gespeicherte Daten kann man morgen nicht mehr öffnen. Nicht auszudenken, wo die Technik in 20 Jahren stehen wird. Nehmen wir einen heute gesicherten Standard wie „PDF“ – wer von Ihnen garantiert mir, dass er im Jahr 2040 noch Standard ist?
  • Die Technik ist störanfällig:
    - Weil ich sie versehentlich falsch bedienen kann: Im schlimmsten Fall löscht mir das Gerät im Zeitraum eines Augenwimpernschlags versehentlich meine gesamte Notenbibliothek. Glückwunsch dem, der sie immer up to date gespiegelt auf einem externen Speicher gesichert hat. Noten sind denkbar einfach: Aufschlagen.
    - Weil ich immer mit einem Virenbefall rechnen muss. Alle Anwesenden, die einen Virenbefall ihres Computers erlebt und im schlimmsten Falle alles Gespeicherte verloren haben (oder es vom Virus unbrauchbar gemacht vorgefunden haben), werden wissen, was das bedeutet. Noten gehen, gute Papierqualität vorausgesetzt, so gut wie nicht kaputt. Von einem Virenbefall ist mir nichts zu Ohren gekommen.
    - Weil das Laufwerk streikt oder der Online-Zugang unterbrochen wird – oder weil er komplett ausfällt. Gerade Letzteres scheint keine Seltenheit zu sein. Keine Daten, keine Noten. Gedruckte Noten sind zum Glück nicht virtuell, sondern real, nämlich direkt vor mir, wenn ich sie brauche. Keine Telefongesellschaft und kein Netzprovider kann sie mir wegnehmen.
  • Die Technik ist teuer, ständig muss ich etwas reparieren, ersetzen oder neu kaufen. So funktioniert diese Industrie. Die Noten kaufe ich einmal in meinem Leben. Wenn ich die Musikalie sehr intensiv nutze, zur Freude des Verlegers vielleicht ein zweites Mal.

 

Das heißt freilich nicht, dass die technische Entwicklung über kurz oder lang keine wesentlich verbesserte Darstellungsqualität von Noten ermöglichen wird: bessere, höher auflösende Bildschirme, Blättern von Notenseiten in Echtzeit, automatische Umblätter-funktion, Optimierung von Annotationsmöglichkeiten und was man noch so alles an Verbesserungsanforderung Ende 2012 an diese Bildschirme stellen muss, damit sie auch nur annähernd das seit 500 Jahren bewährte, sprichwörtlich „gestochen scharfe“ Druckbild erreichen. Auch die Gewohnheit der Musiker, sich im herkömmlichen Notenheft gewissermaßen räumlich bewegen zu können, was im zweidimensionalen Bildschirm nicht möglich ist, wird sich nicht so schnell ändern. Vielleicht muss sich der Mensch aber auch gar nicht umstellen, und die zukünftigen Geräte werden 3D-Simulation zeigen oder gar keine Bildschirme mehr sein, sondern wo immer wir sind, frei im Raum. Oder, ein wenig weiter gedacht: 3D-Notenbilder werden dank erfindungsreicher Medizin-Ingenieure auf unsere Netzhaut projiziert … 

Doch Noten werden bezeichnenderweise vor allem aus den Speichermedien auf Papier ausgedruckt (!) und nicht so sehr am Bildschirm betrachtet. Die prinzipielle Überlegenheit der Musikalie vor solch einer traurigen Papierkopie wird niemand bestreiten wollen. Selbst durch technische Innovation der Heimdrucker und Kopiermaschinen wird sie per definitionem nie an ein gut gedrucktes und gebundenes Notenheft heranreichen. Warum das so ist, muss ich an dieser Stelle und vor diesem Auditorium wohl kaum eigens ausführen. Qualität und „handling“ sind einfach zu minderwertig. Stichworte sind: Format, Doppelseitigkeit, Druck statt Feinstaub, Papierqualität und, vor allem, die Bindung. Seit Erfindung des Fotokopierers gibt es den Typus Musiker, der sich die Noten lieber fotokopiert, sie zusammenklebt, in Ordnern abheftet oder nach Benutzung gleich wieder wegwirft, bevor er sich ein Notenheft kauft. Er spart an der falschen Stelle, vor allem, wenn es um das klassische, beständige Repertoire geht, und muss sich dafür ein Leben lang an seiner Musik-Fast-Food-Zettelwirtschaft und dem allmählichen Verblassen seiner Kopien herumärgern. Aus der Sicht der Verleger ist er für dieses spezifische Notenstück ohnehin kein Kunde, denn gestern hat er fotokopiert, heute lädt er herunter. Die Erfindung des Fotokopierers und seine massenhafte Verwendung gewissermaßen als private Notenmaterial-Herstellmaschine beschert uns Verlegern und Autoren Jahr für Jahr den eigentlich schmerzenden, nie mehr kompensierbaren Absatzrückgang; das Internet verschärft meiner Beobachtung nach kaum die Situation, sie ist schon schlimm genug. Wer aber Fast-Food-Noten mag, den kann ich, sofern es sich um legalen Download handelt, nicht daran hindern; bezeichnenderweise und zum Glück scheint jedoch die Anzahl der Noten-Fast-Food-Verächter und derer, die nur „zur Not“ auf Fotokopie und Download zurückgreifen, seit Einführung des Internets konstant hoch geblieben. Wäre es anders, gäbe es das Papiergeschäft der Verlage seit dem Fotokopierer schlicht nicht mehr.

Voraussetzung für die Überlegenheit der Musikalie vor der Billigkopie ist natürlich deren Lieferbarkeit und ein Mindestmaß an tatsächlicher herstellerischer Qualität. Ich kann Musiker verstehen, die sich über teure Notenhefte beschweren, deren Notensatz sich nicht von Amateurleistungen im Internet unterscheidet, die auf Standardpapier gedruckt oder gar nur mehr „on demand“ aus dem Printer gelassen werden, die mit einer Spiral- oder Heftklammerbindung versehen sind, die jeder bessere Fotokopierer zustande bringt. Dann kann ich mir das Heft gleich selbst mit Kleber oder Klammer herstellen. Leider muss man feststellen, dass immer weniger Verlage sich diese Anforderung zu Herzen nehmen; meine Zukunftsprognose für diese Kollegen: Sie werden es schwer haben, zukünftig zahlungswillige Kunden zu finden.

 

Zu 3.

Das digitale Angebot kann eine willkommene Ergänzung zur Musikalie sein. Die Welt der Noten wird dank des Digitalen viel bunter werden; wir sollten das nicht griesgrämig schwarzmalen, sondern als Chance verstehen. Laut einer Erhebung der F.A.Z., veröffentlicht am 27. März 2012,  lesen iPad-Besitzer insgesamt deutlich mehr Zeitung, gedruckt und als App-Angebot, als Menschen ohne iPad. Und immerhin über 50 % der befragten iPad-Leser werden ihr zusätzliches Abonnement der gedruckten Ausgabe derselben Zeitung nicht kündigen. Mit anderen Worten: Das digitale Angebot, sofern es einen Mehrwert bietet, kann sogar zusätzlichen Umsatz kreieren, möglicherweise sogar umgekehrt den Wunsch nach dem Kauf einer Musikalie beflügeln. Also werden auch clevere Musikverlage die Chancen des Digitalen zu nutzen wissen, indem sie die klassische „Note“ sowohl analog als auch digital anbieten und außerdem dank angegliederter Mehrwertangebote, die der herkömmliche Druck gar nicht bietet, mit „paid content“ neuen Umsatz kreieren. Erste solche Produkte konnten auf der Frankfurter Musikmesse 2012 gesichtet werden.

 

Zu 4.

(Klassische) Musiker sind konservative Menschen und haben sehr viele gedruckte Noten. Das geradezu unheimlich anschwellende Notenangebot im Internet hat sein Korrelativ im geradezu unheimlich großen Bestand an existierenden Musikalien. Diese gedruckten und vielfach in Benutzung befindlichen Noten haben eine große Beharrungskraft, kein Musiker wird sie ohne Not wegwerfen, selbst bei dem attraktivsten Digitalangebot. Meine persönliche Erfahrung mit Musikern, vor allem aus dem Bereich der klassischen Musik, sagt mir außerdem, dass bei dieser Klientel der Wechsel vom Analogen zum Digitalen, anders als im Buchbereich, anders vielleicht auch im Pop-Bereich, eher zögerlich als im Handumdrehen vonstattengehen wird, falls überhaupt. Laut Media Control  betrug im Jahr 2011 der Umsatzanteil der E-Books am gesamten deutschen Buchmarkt 1 %; er wird sich gemäß aktueller Zahlen im laufenden Jahr auf gut 2 % verdoppeln. Selbst im Buchmarkt muss also vorerst keineswegs mit dem Untergang des bewährten Geschäftsmodells gerechnet werden. Mangels vergleichbarer Zahlen aus dem Musikalien-Markt kann ich Ihnen dazu keine Prognose in Zahlen bieten. Aber meiner Beobachtung nach spielen Notenbildschirme bis heute so gut wie gar keine Rolle bei Musikern. Aus den genannten prinzipiellen Gründen wird sich meiner Überzeugung nach daran in absehbarer Zeit auch nur sehr wenig ändern, noch viel weniger als im Lese-Buchmarkt. Fotokopien müssen tatsächlich manchmal sein im Musikerleben; aber was auf Dauer zu solchen Noten-Fast-Food zu sagen ist, habe ich gesagt.

  

 

Fazit

Lassen Sie mich abschließend noch einmal das Bild vom Zug bemühen, der womöglich schon längst in Richtung digitale Welt abgefahren ist und die Musikalie gewissermaßen aufs Abstellgleis verbannt hat. Meine Zukunftsprognose sieht anders aus: Es wird in der Welt der Musiknoten eine große Zahl ganz verschiedener Züge mit ganz unterschiedlichen Angeboten und Preisniveaus geben. Die Züge werden analog und digital angetrieben. Die Auswahl, und damit auch der Konkurrenzdruck untereinander, wird noch größer werden. Das ist aus Sicht der Nutzer, der Musiker, eine gute Entwicklung. Musikverlage müssen sich im Bereich der urheberrechtlich freien Werke mit sinnvollen und werthaltigen Angeboten der Konkurrenz durch private Netzwerke und Kostenlos-Massenware stellen. Sofern sie weiterhin (auch) auf die gedruckte und gebundene Musikalie als Reisezug setzen, muss dieser zu einem nachvollziehbaren Preis allen Komfort bieten, den der digitale Schnellzug nicht bieten kann. Lieblose Produkte aus der digitalen Schnelldruckpresse werden kaum Überlebenschancen haben. Kostenpflichtige Downloadangebote von anderweitig kostenlos Zugänglichem ebenso wenig. Und, für mein heutiges Thema besonders wichtig: Musiker, die wirklich Musiker sind, wollen Musik machen und sich nicht immer wieder mit nervigen Technik-Problemen herumärgern. Wer also regelmäßig und langfristig die Zuverlässigkeit seiner Noten schätzt, wird auch in 100 Jahren noch den guten analogen Zug benutzen. Dass er für anderes Repertoire, andere Nutzungsarten, den digitalen Zug ebenfalls besteigen kann, dafür werden die Verlage und weitere Marktteilnehmer schon sorgen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


Wolf-Dieter Seiffert ist Geschäftsführer des G. Henle Verlags.

1) Ich danke herzlich für die telefonische Auskunft (September 2012) der Deutschen Nationalbibliothek, Deutsches Musikarchiv (Leipzig).

2) Siehe weiterführend: Deutsches Musikinformationszentrum (MIZ), Thomas Tietze: Musikverlage.

3) Siehe zum Beispiel:
- Beethoven, Erstausgabe der ersten Symphonie,
schlechter Scan, gestohlen von der Homepage des Beethoven-Hauses.
- Dasselbe in erheblich besserer Qualität beim Eigentümer und ursprünglichen Anbieter der Abbildungen.
- Oder zum Beispiel der Scan einer alten Ausgabe (starke Abnutzungserscheinungen) von Beethovens Coriolan-Ouvertüre.

4) Siehe zum Beispiel hier (ohne Kommentar).

 

 

Veröffentlicht in: Forum Musikbibliothek, Jg. 34, Heft 1/März 2013, S. 25–32, Beeskow: ortus musikverlag