L'éditeur

Paul Badura-Skoda – Piano

Paul Badura-SkodaVor fast 50 Jahren stieß ich in einem Musikgeschäft auf eine mir unbekannte neue Urtextausgabe der Mozart Klaviersonaten, die sich in bescheidenem Grau präsentierte. Ich kaufte sie und war bald so davon angetan, daß ich einen Brief an den Verlagsgründer, Dr. Dr. Günter Henle, schrieb. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich eine Freundschaft, deren Hauptmotiv die gemeinsame Liebe zur Musik und das Streben nach dem vom Komponisten beabsichtigten Text war. Hunderte, z.T. witzige Briefe, wurden gewechselt, freundschaftliche persönliche Begegnungen fanden statt. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich der wichtigste Urtextverlag, nicht nur für uns Pianisten. Wir wollen und können diese Ausgaben nicht mehr missen. Der graue, inzwischen mattglänzende Umschlag ist ein Markenzeichen geworden. In der äußeren Form besticht nicht nur der (nach wie vor gestochene) Notentext mit seiner klaren, schönen Anordnung, sondern auch die Buchbinderarbeit, die stets bequemes Umblättern ermöglicht. (Wie oft muß ich mich über so manche andere Ausgaben ärgern, bei denen sich die Notenblätter selbständig zurückblättern - ein Horror für Blattleser!).
Ein besonderes Lob gebührt dem Verlag dafür, daß er an Verbesserungen interessiert ist und bei Neuauflagen die wenigen Fehler, die auch in einer guten Urtextausgabe vorkommen können, verbessert. Wenn ein seltenes Autograph wie jenes der Mozart c-Moll-Fantasie und Sonate aus langer Versenkung wieder auftaucht, wird sogar ein Neustich vorgenommen. Wünsche? Zunächst wünsche ich dem Verlag noch weitere Verbreitung, weiteres Wachsen. Hoffentlich werden auch Mozarts Klavierkonzerte ins Verlagsprogramm aufgenommen werden. Im Einzelnen habe ich noch folgende Wünsche:

1. Mehr Erklärungen. So wissen etwa die wenigsten Benutzer der Mozart-Ausgaben, daß die kleingestochenen dynamischen Zeichen und Noten aus den von Mozart überwachten Erstausgaben stammen und sicherlich verpflichtend sind. Die Klammern in Haydns-f-Moll-Variationen benötigen auch Erklärung.

2. Größere Fingersätze, größere Taktzahlen, damit man auch die verkleinerten praktischen Ausgaben gut lesen kann.

3. Daß bei der Beethoven-Sonate op. 110 im Takt 110 des 1. Satzes die Terzen c³-es³ von der Fußnote in den Haupttext wandern und ebenso im 1. Satz der Hammerklaviersonate op. 106 das heute allgemein anerkannte a (statt ais) im Haupttext unterkommt. (Meine beweisführende Studie darüber erschien in der Gedenkschrift für Dr. Henle).

4. Daß bei Chopin in den Nocturnes und in der h-Moll-Sonate endlich die sorgfältigen Eintragungen, die Chopin in den Unterrichtsexemplaren seiner Schülerinnen O'Meara/Dubois und Jane Stirling vornahm, berücksichtigt werden. So erstaunlich es klingt: Diese Fassungen letzter Hand sind bisher nie vollständig wiedergegeben worden und nur jenen Pianisten bekannt, die die Bibliothèque Nationale in Paris besuchen. Sicherlich sind solche Wünsche nicht leicht zu erfüllen. Nur dem Henle-Verlag, der den Mut hat, den Problemen auf den Grund zu gehen, ist ihre Erfüllung als Zeichen der Liebe zur Musik zuzutrauen.
In diesem Sinne:

Paul Badura-Skoda