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Interview des belgischen Magazins „Crescendo“ mit dem Programmleiter des G. Henle Verlags

Das belgische Musikmagazin » Crescendo hat unseren Programmleiter, Dr. Norbert Gertsch, der auch stellvertretender Verlagsleiter ist, befragt. Lesen Sie hier das Interview zu Grundlagen, Schwerpunkten und Plänen des G. Henle Verlags. Das Interview führte Pierre-Jean Tribot (Original in Englisch). Wir danken für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

 

Crescendo Magazine, 27. August 2019 (online):

In der Musikverlagsbranche ist der deutsche G. Henle Verlag eine bekannte Größe aufgrund der Qualität seiner Urtext-Publikationen. Der vor mehr als 70 Jahren gegründete Verlag verfügt über ein einzigartiges Know-how durch seinen wissenschaftlichen Ansatz bei Notentexten; eine Kompetenz, die immer wieder aufs Neue einzigartig ist und jede Publikation zu einem Ereignis macht. Das » Crescendo Magazine interviewt Norbert Gertsch, stellvertretender Verlagsleiter, der für das Programm des G. Henle Verlags verantwortlich ist (Original in Englisch).

 

Crescendo: Der G. Henle Verlag ist einer der Hauptakteure unter den Musikverlagen. Er ist auch ein „historischer“ Verlag mit mehr als 70 Jahren Erfahrung im Dienst editorischer Exzellenz. Wie haben Sie dieses Erbe bewahrt?

Gertsch: Wir sind einer der recht jungen Verlage für klassische Musik. Wir müssen dabei andere Verlage ins rechte Licht rücken: Breitkopf & Härtel feiert in diesem Jahr sein 300-jähriges Bestehen, Schott Music feiert 2020 sein 250-jähriges Bestehen und die Edition Peters ist seit über 200 Jahren im Musikverlagsgeschäft tätig. Als Günter Henle 1948 den Verlag gründete, hatte er ein Hauptziel vor Augen: den Urtext-Verlag. Das war eine große Chance, da damals wissenschaftliche Editionsmethoden für gedruckte Musik kaum genutzt wurden. Das war ein weitgehend unerforschtes Gebiet und die Musiker waren offensichtlich begierig darauf. Urtextausgaben im G. Henle Verlag waren auf Anhieb ein Erfolg! Die Grundlagen dieser Qualität liegen in äußerst aufwändige Arbeit, so dass Editionsprojekte in der Regel mehrere Jahre dauern. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis unser Katalog gewachsen war, und auch heute noch veröffentlichen wir große Meisterwerke. Man denke nur an die Gesamtausgabe von Mozarts Streichquartetten, von denen zwei Bände bereits erschienen und zwei weitere in Vorbereitung sind. Derzeit fehlen uns noch einige wichtige Konzerte: Tschaikowskys und Liszts Klavierkonzerte, Dvoráks Cellokonzert, um nur einige zu nennen. Um Ihre Frage nach unserem Erbe zu beantworten: Wir arbeiten nach wie vor auf höchstem Qualitätsniveau, um kritische Ausgaben nach den Kriterien wissenschaftlicher Exzellenz zu veröffentlichen, die für die Praxis optimiert sind.

 

Der Henle Verlag verfügt über eine anerkannte Expertise in der Herausgabe von Urtextausgaben. Inzwischen interessieren sich viele andere Verlage für Urtext. Wie arbeiten Sie, um Ihr Know-how zu erhalten?

Der Henle Verlag war der erste Verlag, der die Urtext-Notenausgaben in den Mittelpunkt seiner Aktivitäten stellte. Aber wir haben den Begriff „Urtext“ nicht erfunden und wir waren nicht die Ersten, die Partituren mit dem Stempel „Urtext“ veröffentlicht haben. Andererseits waren wir die Ersten, die systematisch einen ganzen Katalog von Urtextausgaben zusammengestellt haben, angefangen bei der Musik für Soloklavier bis hin zu Werken für Kammermusik mit und ohne Klavierbegleitung. Mit derzeit mehr als 1.200 Titeln haben wir einen großen Vorsprung im Vergleich zu anderen Verlagen im Urtext-Bereich; aber natürlich holen unsere Wettbewerber langsam auf. Ich würde unser Know-how als zweifach bezeichnen: einerseits die Qualität der Arbeit am musikalischen Text, andererseits ein tiefes Verständnis dafür, wie man das Notenmaterial sowohl für das Studium als auch für die Interpretation am besten präsentiert. Wir erstellen „praktische“ Ausgaben des Urtexts. Die Realisierung und Koordination der redaktionellen Arbeit wird einem Team von fünf festangestellten Musikwissenschaftlern anvertraut, die auch alle musizieren. Es gibt keine Kompromisse, wenn es darum geht, unsere wissenschaftliche Methode anzuwenden. Darüber hinaus unterstützen viele renommierte Künstler unsere Arbeit, indem sie ihre Erfahrung und ihr Wissen über Fingersätze, Verzierungen, Kadenzen, Klavierauszüge und auch allgemeine Ratschläge einbringen, insbesondere wenn es um schwierige editorische Fragen geht, die nur durch die gemeinsame Arbeit eines Wissenschaftlers und eines Musikers gelöst werden können. Ich glaube, dass dieses Engagement für einen quellentreuen und praktischen Musiktext in der Welt der Musikverlage noch immer unerreicht ist.

 

Wie legen Sie das Verlagsprogramm fest?

Natürlich möchten wir alle „großen“ Werke so schnell wie möglich veröffentlichen. Aber es gibt Grenzen, die bei der Planung zu berücksichtigen sind. Zunächst einmal geht es um die Frage des Urheberrechts. Der G. Henle Verlag arbeitet traditionell nicht mit lebenden Komponisten zusammen, weshalb wir keine Verlagsrechte für Musik des 20. oder 21. Jahrhunderts besitzen (mit Ausnahme der Werke von Evgeny Kissin). Um einen Komponisten in unseren Katalog aufnehmen zu können, muss er gemeinfrei sein. Wie Sie wissen, tritt das in Deutschland und in den meisten Ländern der Welt 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten ein. So dürfen wir beispielsweise im Jahr 2020 die Werke von Richard Strauss veröffentlichen. Wenn ein neuer Name in unseren Katalog aufgenommen wird, versuchen wir so vorzugehen, wie wir das bei unserem Katalog immer getan haben: Zuerst schauen wir uns die Musik für Klavier an, dann die Werke für Streichinstrumente und Klavier, dann die kleiner besetzten Kammermusikensembles etc. Wir lassen uns aber auch von der Popularität der Werke leiten und versuchen, die Urtextausgaben der wichtigsten Kompositionen so schnell wie möglich zu veröffentlichen.
Bei den Werken von Komponisten des 17. bis 19. Jahrhunderts, deren Werke gemeinfrei sind, entscheiden wir hauptsächlich nach Beliebtheit und Nachfrage. Viele Musiker kontaktieren uns und bitten um die Herausgabe einzelner Werke. Wir bewerten dann die Situation – auch finanziell – und entscheiden. Wenn es eine Sache gibt, die wir aus der Vergangenheit gelernt haben, dann ist es, dass eine mittelmäßige Komposition oder ein unbekannter Komponist nicht erfolgreich sein wird, nur weil die Musik von Henle veröffentlicht wird. Es ist sehr schwierig für uns, aber wir müssen oft „Nein“ sagen, wenn es um weniger bekannte Werke und Komponisten geht. Es gibt noch so viel zu tun!

 

 

Was sind die größten Herausforderungen für ein auf Urtext spezialisiertes Verlagshaus im Jahr 2019?

Bei jedem Urtext-Projekt müssen wir auch den finanziellen Aspekt berücksichtigen; wir können nicht alles veröffentlichen. Dadurch wird es in nicht allzu ferner Zukunft immer schwieriger, ein geeignetes Repertoire für unseren Kernkatalog zu „finden“, das auch für den Verlag die notwendigen Einnahmen bringt. Deshalb expandieren wir in neue Bereiche und testen deren Marktwert. Obwohl viele das digitale Zeitalter als große Herausforderung betrachten, haben wir die Veränderungen, die Musiker fordern, bereits vollständig angenommen. Der Ansatz „thinking digital, thinking online“ liegt seit vielen Jahren mit unserer App auf dem Tisch und spielt eine Rolle in unserer Zukunftsstrategie. Wir haben keine Angst vor der Konkurrenz kostenloser Downloads im Internet, Qualität wird sich immer durchsetzen!

 

Sie haben auch eine App für iOS und Android entwickelt. Warum ist Ihnen die digitale Technologie wichtig?

Die Veröffentlichung digitaler Noten über eine spezielle App ist tatsächlich eine Reaktion auf die Marktanforderungen. Ich selbst hatte ein „Erwachen“ während einer Konferenz der MTNA (National Association of Music Teachers) in den USA, wo ich einen Vortrag über Urtext hielt. Nach dem Vortrag standen die Zuhörer Schlange, schwenkten mit ihren iPads und fragten, wann wir endlich eine digitale Version unserer Partituren veröffentlichen würden. Als „traditioneller“ Verlag waren wir ein wenig überrascht. Aber was uns in den folgenden Monaten überzeugt hat, waren die erstaunlichen Möglichkeiten digitaler Ausgaben. Es gibt einzigartige Features, die nur in der digitalen Version möglich sind, z.B. die Darstellung der Noten mit oder ohne Fingersatz und Strichbezeichnung per Klick. Es ist auch möglich, Alternativen anzubieten, beispielsweise verschiedene Fingersätze großer Musiker etc. Um diese Vorteile zu nutzen, haben wir uns entschieden, dauerhaft in die digitale Welt einzusteigen.

 

Sie arbeiten derzeit an der Gesamtausgabe von Bartóks Werken. Was sind die Beweggründe für dieses editorische Abenteuer? Was verbindet einen deutschen Verleger mit einem ungarischen Komponisten?

Die Wurzeln des G. Henle Verlags liegen seit jeher in der Klaviermusik, und so bestand kein Zweifel daran, dass wir, sobald das Urheberrecht für Bartóks Werke erloschen ist, mit der Veröffentlichung seiner Musik beginnen würden. Schließlich ist er einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und leistete einen wichtigen Beitrag zum Klavierrepertoire. Wir dachten auch, es sei an der Zeit für Henle, ein neues Gesamtausgabenprojekt zu starten, da zwei unserer drei aktuellen Ausgaben, Haydn und Beethoven, bald vollendet werden. Wir können das Gesamtwerk eines so produktiven Komponisten wie Bartók nicht selbst bearbeiten – unser Team ist zu klein. Wir müssen mit einer wissenschaftlichen Institution zusammenarbeiten und sie bitten, die kritische Edition zu übernehmen, damit wir dann die Bände der Gesamtausgabe veröffentlichen können. Diese Bände beinhalten in der Regel auch eine große Menge an Worttexten. Anschließend nehmen wir die Werke Bartóks zusätzlich als Urtextausgaben in unseren Katalog auf. Das Bartók-Archiv in Budapest ist der ideale Partner für ein solches Projekt, wir freuen uns, sie an Bord zu haben.

 

2020 wird das Beethoven-Jahr sein! Ihre Ausgaben Beethovens sind für jeden Musiker schon jetzt unerlässlich! Was plant der G. Henle Verlag aus Anlass dieses Jubiläums?

Bei der Planung des Beethoven-Jahres haben wir uns gefragt, was wir zusätzlich zu dem, was wir bereits im Katalog haben, tun können. Unser prestigeträchtigstes Projekt ist natürlich die Neuauflage aller Klaviersonaten von Beethoven, herausgegeben von Murray Perahia und mir. Aber es wird nicht bis 2020 abgeschlossen sein, also haben wir beschlossen, zwei attraktive neue Bände zu präsentieren: fünf berühmte Sonaten und fünf „leichte“ Sonaten. Wir haben sie erst letzten Monat veröffentlicht. Alle 9 Symphonien werden 2020 fertiggestellt sein. Wir werden sie alle in schönem Notensatz als Studien-Edition veröffentlichen. Zudem haben wir die Revision der Variationen für Klavier und anderer Stücke veröffentlicht. Und wir planen weitere Projekte, aber darüber kann ich noch nicht reden. Sie müssen sich gedulden!

 

Sie werden auch Werke des berühmten russischen Pianisten Evgeny Kissin veröffentlichen. Ist es nicht eine Herausforderung, diese Werke neben denen legendärer Komponisten anzubieten?

Der große Kissin wurde schon immer von der Familie Henle und dem Team unseres Verlags bewundert. Wie Sie wissen, veröffentlichen wir keine Musik zeitgenössischer Komponisten. Aber als Evgeny Kissin uns fragte, ob wir daran interessiert seien, seine ersten drei Werke zu publizieren – einen Zyklus von Klavierstücken, eine Cellosonate und ein Streichquartett –, waren wir der Meinung, dass wir nicht einfach deshalb „Nein“ sagen können, weil wir das „normalerweise“ nicht tun. Kissins Musik ist eine wunderbare Ergänzung des Repertoires und wird bereits von einigen der Großen in der Welt der klassischen Musik gespielt. Es ist eine Ehre, seinen Namen in unserem Katalog zu haben!

 

Welche weiteren Großprojekte gibt es im G. Henle Verlag?

Wir werden in neue Bereiche expandieren. So haben wir beispielsweise bisher eher Werke für versierte Musiker veröffentlicht, die technisch häufig anspruchsvoll sind. Aber es gibt sehr viele Anfänger und gute Amateure, denen wir bisher wenig dienen können. Aber bitte verstehen Sie, dass ich hier nicht mehr sagen kann; lassen Sie sich überraschen.

 

» Lesen Sie hier das Interview bei Crescendo online (französisch)