Unter Faurés Charakterstücken für Klavier stellen seine 13 Nocturnes die bedeutendste Gruppe dar. Trotz ihrer Bezeichnung als „Nocturne“ in der Tradition von John Field und Frédéric Chopin entwickelt der französische Komponist hier ein eigenständiges Genre: keine verträumten Nachtszenen, sondern durchgearbeitete, zwischen lyrischer Eleganz und leidenschaftlicher Dramatik schillernde Kompositionen. Das 1894 während des Sommeraufenthalts im Haus seiner Schwiegereltern entstandene sechste Nocturne mit seinen starken Kontrasten in Tempo, Metrum und Harmonik ist das mit Abstand bedeutendste und bekannteste Stück der Reihe. In einem Brief nach Abschluss der Komposition schreibt Fauré: „Moderne und zugleich ein wenig interessante Klaviermusik ist äußerst rar“ – ein Zustand, der für ihn offenbar Ansporn genug war, das Repertoire mit seinem Nocturne op. 63 zu bereichern!