Shop durchsuchen

Neues aus dem Verlag

Trauer um Paul Badura-Skoda (1927–2019)

 

27. September 2019. Vorgestern verstarb im hohen Alter von 91 Jahren Paul Badura-Skoda – ein großartiger Musiker, grandioser Pianist, Wiener durch und durch, leidenschaftlicher Urtext-Experte und Kenner und Sammler historischer Tasteninstrumente. Die Freundschaft begann bereits in den 1950er-Jahren und hielt über die Generationen bis heute an. Erst vor wenigen Wochen führten Paul und ich noch eine lebhafte E-Mail-Korrespondenz zu seiner Meinung nach fehlenden Takten im Variationssatz der Schubertschen a-moll-Sonate D 845 (eines seiner vielen Lieblingsthemen, die ihn nie losließen). Unser Archiv enthält zahlreiche Aktenordner mit der Brief-Korrespondenz mit Badura-Skoda. Die ersten Briefe wurden bereits 1956 gewechselt. Dr. Dr. Günter Henle war äußerst beeindruckt von der 1957 erschienenen Publikation „Mozart-Interpretationen“ und man intensivierte sogleich den Kontakt zu Paul und Eva Badura-Skoda. Sofort ging es Badura-Skoda um die eigentliche Sache, nämlich den korrekten, authentischen Notentext. Er schöpfte aus zahllosen eigenen Recherchen, einem ungemein sicheren Gespür für „Textprobleme“ der Überlieferung und eigenen, manchesmal nicht recht nachvollziehbaren Interpretationen zu den Quellen. Badura-Skodas umfassendes Wissen als Autographen-Kenner und Musiker verhalf zahllosen unserer Ausgaben zu stetiger Verbesserung in Details. Ich erinnere mich noch genau, wie er mich (damals noch junger, über Mozart promovierter Lektor im Verlag) bekniete, in der c-moll-Fantasie die beiden „fp“ in Takt 19 synkopisch wiederzugeben, nicht „auf den Schlag“, wie es alle Ausgaben, auch unsere damalige Urtextausgabe, taten. („Mozart schreibt doch keine Betonung auf den Schlag, wie banal!“) Aber die einzige Primärquelle damals, die 1785 bei Artaria erschienene Erstausgabe gab diese ungewöhnliche Lesart einfach nicht her, und so mussten wir ihm diese Bitte verweigern. Aber als dann Mozarts Autograph sensationell auftauchte, war sofort klar, dass Paul Badura-Skoda – mit seinem untrüglichen Instinkt, wieder einmal – Recht behalten hatte.

 

Ob Schubert, Chopin, Mozart oder Beethoven – Badura-Skoda hatte lebenslang zahlreiche Verbesserungsvorschläge und Ideen, vieles davon ist tatsächlich in unsere korrigierten Nachdrucke eingeflossen. Unser zweibändiges Standardwerk der 32 Klaviersonaten Beethovens verdankt beispielsweise seine unübertroffene Texttreue und Subtilität zahllosen über die Jahrzehnte eingeflossenen Anregungen, oft in Fußnoten auf der Notenseite dokumentiert. Verantwortet seine Ehefrau Eva Badura-Skoda die Urtextausgabe der Klaviertrios von Schubert bei uns, so durfte ich in den 1990er-Jahren Paul Badura-Skoda bei seiner Herausgabe von Band III der Schubert-Klaviersonaten betreuen, inklusive der von ihm wunderbar vervollständigten, als Fragment überlieferten Sonaten (HN 150). Es war eine wunderbare Zusammenarbeit, bei der ich den scharfen Geist und die unendliche Freundlichkeit dieses Meisters besonders schätzen lernte. Sein Wissen zu Mozart schien unerschöpflich, auch seine vielen Musiker-Anekdoten. Seit vielen Jahren schon sind wir stolz, Paul Badura-Skodas Einführungstexte zu sämtlichen Klaviersonaten Mozarts (und vieles darüber hinaus) auf unserer Webseite wiedergeben zu dürfen.

 

Eine unserer vielen Begegnungen ist mir besonders stark in Erinnerung geblieben; sie beleuchtet Badura-Skodas wunderbare Spontaneität, Freundlichkeit und Fröhlichkeit als Mensch und Musiker: Wir saßen zusammen in Wien im Café Sacher (im „Roten Salon“), die Köpfe über Kopien von Schubert-Handschriften gebeugt. Da erinnerte ihn plötzlich eine Schubertsche Melodie an die „Schöne Blaue Donau“ von Johann Strauß. Er springt auf, setzt sich an den Bösendorfer im Sacher, und spielt, zur hellen Freude aller Gäste, diese unvergängliche Musik von Schubert und Strauß. Und mit welchem Klang, welcher innigen Freude, welchem Gespür für die Zerbrechlichkeit dieser nur scheinbar so robusten Wiener Musik.

 

Nun ist er von uns gegangen. Mit seinem Tod verliert der G. Henle Verlag einen jahrzehntelangen Freund und Wegbegleiter. Wir werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.

(München, 27. September 2019, Dr. Wolf-Dieter Seiffert)