Bezeichnungen von Musikinstrumenten in älteren Notendrucken und Manuskripten sind häufig recht individuell und können Anlass zu Spekulationen geben. Was genau verbirgt sich zum Beispiel hinter einer „Alta Viola“ – eine gewöhnliche Bratsche oder doch ein eigenes Instrument?

1798 veröffentlichte der junge Johann Nepomuk Hummel als Opus 5 drei Sonaten für Klavier mit obligater Streicherbegleitung: die ersten beiden Stücke mit Violine, das letzte hingegen unter Verwendung einer – ja, ist es eine Bratsche? Die Benennung „Alta Viola“ auf dem Titelblatt der Erstausgabe (siehe Abb.) könnte vermuten lassen, es handele sich um eine besondere Unterart der Viola, etwa mit besonders kleinem Korpus oder mit einer höheren Stimmung der Saiten.

J.N.Hummel, 3 Sonaten op. 5, Titelblatt der Erstausgabe

Tatsächlich lassen sich im 18. Jahrhundert einzelne Versuche von Instrumentenbauern nachweisen, die bis dato eher stiefmütterlich behandelte Viola für solistisch-virtuosere Einsatzgebiete „aufzurüsten“. So schrieb der französische Geiger und Komponist Michel Woldemar um 1800 ein Konzert für eine 5-saitige „Violon Alto“, im Grunde eine Bratsche mit hinzugefügter hoher e’’-Saite. Und eine besonders ausgefallene Zwillingskonstruktion einer „Alto-Violon“ von Joseph Nicolas lässt sich im Pariser Musikinstrumentenmuseum bewundern. Eine weit spätere Erfindung ist hingegen die „Viola alta“ Hermann Ritters, die in den 1870er Jahren entstand; diese wies nun umgekehrt eine besonders große Mensur auf und wurde von Richard Wagner wegen ihres vollen, sonoren Klanges sehr geschätzt.

Insgesamt handelt es sich bei diesen Beispielen aber eher um vereinzelte Kuriositäten, die so gut wie keinen Niederschlag in der allgemeinen Musikpraxis fanden. So ist denn auch die „Alta Viola“ auf Hummels Titelblatt schlicht mit mangelnden Französischkenntnissen zu erklären (wie man auch an den zahlreichen weiteren orthographischen und grammatischen Fehlern auf dem gezeigten Titelblatt erkennt).

Sehr häufig findet sich nämlich auf den Titelblättern jener Zeit die Angabe „Alto Viola“, also einfach eine Kopplung aus französischem und italienischem Instrumentennamen. So tragen auch beispielsweise die Bratschenkonzerte von Carl Stamitz (vgl. unsere Ausgabe HN 758), Ignaz Pleyel oder Carl Maria von Weber im Titel die verdoppelte Bezeichnung „pour l’Alto Viola Principale“. Und so kann und darf auch die Hummelsche Sonate auf einer handelsüblichen Bratsche gespielt werden…

Findet sich auch bei Mozart: die Benennung der Bratsche als "Alto Viola"

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