Manchmal lösen sich Rätsel nicht auf, selbst wenn die Quellenlage dem Herausgeber einer Urtextausgabe üppiges Material an die Hand gibt – wie etwa bei Robert Schumanns Papillons op. 2, von denen eine „Fassung letzter Hand“ wohl kaum ermittelt werden kann.

Wir haben eine Reinschrift von Schumanns Hand, die 1832 Vorlage für die Erstausgabe war; und wir haben natürlich die Erstausgabe im Verlag Kistner in Leipzig – eigentlich optimale Voraussetzungen, um diese Musik zu edieren. Wäre da nicht eine um 1860 postum erschienene Neuausgabe im selben Verlag, die große Verwirrung stiftet.

Schauen wir uns die Nr. 2 der Papillons zunächst im Autograph und in der Erstausgabe an:

Autograph

Autograph

Erstausgabe

Erstausgabe

Beim Vergleich dieser zwei Quellen zeigen sich durchaus Unterschiede. In der Erstausgabe steht zum Beispiel im 5. Takt ein mf und im 9. Takt ein pp. Das Autograph hat dagegen nur ein pp im 5. Takt. Änderungen dieser Art, die wohl kaum als Versehen des Notenstechers zu interpretieren sind, liefern Indizien dafür, dass Schumann selbst im Prozess der Druckvorbereitung korrigierend und ändernd in den Notentext eingriff – und damit die Erstausgabe von ihm „abgesegnet“, also autorisiert, ist.

Nach Schumanns Tod im Jahre 1856 erschien dann etwa vier Jahre später im Verlag Kistner die erwähnte Neuausgabe der Papillons. Hier die Nr. 2 daraus:

Postume Neuausgabe

Postume Neuausgabe

Es fällt sofort auf, dass der Notentext komplett neu gestochen wurde, und natürlich nicht ohne Grund: Er hat einige Änderungen erfahren. Die offensichtlichste ist sicher die Ergänzung eines Ossia-Systems über dem 10. und 11. Takt. Aber bei näherem Hinschauen offenbaren sich weitere Detailabweichungen. Die Melodie im 5./6. und 10./11. Takt hat einen subtil anderen Rhythmus, der Auftakt zum 1. Takt ist nun eine Sechzehntel, keine Achtelnote. Und das „D.C.“ (Da Capo) am Ende des Stücks ist verschwunden. Wer hat den Notentext geändert (dass das alles kein Zufall oder Missgeschick ist, versteht sich von selbst)?

Nun gibt es ähnliche Fälle, bei denen Verleger den Notentext ihrer Ausgaben nachträglich ändern, um sie für die potentielle Kundschaft wieder attraktiv zu machen. Dies gilt besonders für die Zeit, in der Raubdrucke noch an der Tagesordnung waren. Als Originalverleger konnte man z.B. eine vom Komponisten oder von einer anderen Autorität „verbesserte“ Ausgabe vorlegen, die den Text der Raubdrucke für ungültig erklärte. Diese Ausgaben trugen auf dem Titelblatt dann einen entsprechenden Hinweis „Edition nouvelle revue par l’Auteur“ (z.B. bei den Symphonischen Etüden op. 13) oder einen Herausgebernamen „Nach den Handschriften und persönlicher Überlieferung herausgegeben von Clara Schumann“ (auf ihrer „Instructiven Ausgabe“ der Werke Roberts).

Auf der Neuausgabe der Papillons findet sich leider kein solcher Hinweis. Dass die Änderungen dennoch eine gewisse Autorität für sich beanspruchen, belegt die gedruckte Fußnote zum Ossia-System. Dort heißt es: „In dieser veränderten Weise vom Componisten gleichfalls gespielt.“ Wer Schumann mit dieser Variante gehört hat, werden wir wohl nie erfahren. Manches deutet jedoch darauf hin, dass es tatsächlich Clara war, die zumindest einen Teil der Eingriffe bei Kistner zu verantworten hatte. Sie übernimmt in Ihrer „Instructiven Ausgabe“ von 1886 und auch in der von ihr in den 1880er Jahren herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Schumanns den subtil anderen Rhythmus der Takte 5/6 und 10/11, jedoch weder das Ossia noch die Streichung des Da Capo. Sie hielt also zumindest einen Teil der Eingriffe in die Neuausgabe von 1860 noch über 20 Jahre später für authentisch.

Letztlich klären werden wir, wie schon gesagt, den Status des Notentextes in der postumen Ausgabe bei Kistner nicht. Die Änderungen ziehen sich durch das gesamte Werk und fanden später in zahlreichen Ausgaben der Papillons ihren Niederschlag, häufig sicher ohne dass die Herausgeber sich der problematischen Überlieferung bewusst waren.

Aus Urtext-Perspektive müssen wir restriktiv vorgehen: Die Ausgabe ist postum erschienen. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass Schumann selbst etwa dem Verleger Kistner ein Korrekturexemplar hinterlassen hatte, nach dem in Leipzig der Notentext zu ändern war. Wir wissen nichts darüber, an wen er vielleicht kommuniziert haben könnte, dass er Textänderungen wünschte. Und im naheliegenden Fall, dass Clara Schumann hier vielleicht die Autorität im Hintergrund war, fehlen uns Belege, dass sie von Schumann instruiert wurde und dass ihre vermeintlichen Änderungen nicht doch vielleicht „nur“ ihren eigenen Vorstellungen von einem „besseren“ Notentext entsprachen.

Doch gibt es auch moderne Ausgaben, die nach kritischer Prüfung in der Neuausgabe von 1860 den definitiven, von Schumann autorisierten Text sehen, so etwa die von Howard Ferguson 1985 herausgegebene Edition beim Associated Board of the Royal Schools of Music.

Dass dies alles keine irrelevante Lapalie ist, sondern dass unser Hören der Papillons auch heute von diesen zwei Überlieferungssträngen geprägt wird, sollen abschließend einige Einspielungen belegen:

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Eine Antwort auf »Ossia und Da Capo – Verwirrung in Schumanns Papillons op. 2«

  1. Wieland Hartwich sagt:

    Eine vorbildliche Dokumentation, die auch dem Laien klarmacht was es heißt, eine Urtextausgabe herzustellen. Beim Hören der youtube-Beispiele wird der klavierspielende Amateur mit Erstaunen feststellen, dass nicht nur er seine liebe Not mit den ersten 5 Takten hat, sondern offensichtlich auch die Profis. Es ist aufschlussreich, sich die Einspielungen einmal in Zeitlupe anzuhören. Bei Cortot wird man an den berühmten Satz erinnert: “Wo die Not am größten, da ist das Pedal am nächsten.”

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