César FranckIm Anschluss an den allgemeinen Blogbeitrag von Dominik Rahmer über „Besetzung, Fassung, Bearbeitung – wie weit darf Urtext gehen?“ (Oktober 2012) geht es hier um einen speziellen Fall von Bearbeitung. Wer im Internet nach „César Franck Cellosonate“ sucht, erhält mehr als 80.000 Ergebnisse. Schon bei den Überschriften der angebotenen Seiten wird aber schnell klar, dass es sich um die Bearbeitung der berühmten Violinsonate in A-dur handelt. Der Blick ins Werkverzeichnis räumt letzte Zweifel aus: Eine Cellosonate wurde zwar im Todesjahr 1890 von Franck geplant, gelangte aber nicht mehr zur Ausführung. Mit „Cellosonate“ kann demnach nur die Cellofassung der Violinsonate gemeint sein, genauer: eine Version, die von Jules Delsart für Cello bearbeitet wurde.

Auf den ersten Blick erscheint die Celloversion nur als eine der vielen Besetzungen, die im Zuge des Erfolgs der Violinsonate vom Pariser Verleger Julien Hamelle auf den Markt geworfen wurde. Das Titelblatt einer Ausgabe aus dem frühen 20. Jahrhundert verzeichnet Ausgaben für Klavier zwei- und vierhändig, für Klavier und Flöte sowie für Klavier und Viola. Die nachfolgende Werbung für Arrangements weiterer Werke zeigt, dass der Verleger darüber hinaus keine Scheu hatte, die bekanntesten Kompositionen Francks in damals beliebten Besetzungen anzubieten.

Abb. 1 Franck_Sonate_01

Jules Delsart (1844—1900)

Jules Delsart (1844—1900)

Auf den zweiten Blick hebt sich die Fassung für Klavier und Cello allerdings von den anderen Besetzungen deutlich ab. Sie fand nämlich Eingang in den Haupttitel. Aus der ursprünglichen „Sonate pour Piano et Violon“ wurde nun eine „Sonate pour Piano et Violon ou Violoncelle“. In seiner großen Franck-Biographie berichtet Joël-Marie Fauquet, wie es zu der Cellofassung kam. Bei der Aufführung der Violinsonate in Paris am 27. Dezember 1887 war der Cellist Jules Delsart, der aktiv an diesem Konzert als Quartettspieler teilnahm, so begeistert, dass er Franck um die Erlaubnis für eine Bearbeitung des Violinparts für Cello bat. In einem vermutlich nur wenig später geschriebenen Brief Francks an seine Kusine heißt es: „Herr Delsart arbeitet zur Zeit an einer Bearbeitung der Sonate für Violoncello“.

Das Arrangement für Cello ging demnach nicht vom Verlag aus, sondern von einem mit dem Komponisten befreundeten Musiker (beide unterrichteten am Pariser Conservatoire). Auch das Einverständnis Francks mit dieser Bearbeitung unterliegt keinem Zweifel. Da der Klavierpart unverändert blieb, brachte Hamelle das Arrangement Ende Januar 1888 nicht als eigene Ausgabe heraus, sondern legte der mit neuem Titelblatt versehenen Partitur lediglich eine Cellostimme mit separater Plattennummer bei.

Franck_Sonate_02Leider sind bisher keine weiteren Dokumente als der zitierte Briefausschnitt zur Cellofassung bekannt geworden. Wir wissen also nicht, ob beziehungsweise inwieweit Franck für die Bearbeitung mit hinzugezogen wurde, lediglich, dass er in Kontakt mit Delsart stand. Ebenso wenig wissen wir, ob Franck um sein Einverständnis für die Formulierung des neuen Titelblatts gebeten wurde. Die Sonate wurde fortan in zwei sozusagen gleichberechtigten Varianten der Besetzung („N°1. Piano et Violon, N°2. Piano et Violoncelle“) angeboten, jedoch mit dem ausdrücklichen Hinweis auf den Urheber der Cellobearbeitung. Immerhin hatte Franck insofern wohl keine Einwände gegen das Titelblatt, als er entsprechende Exemplare an Freunde und Bekannte verschenkte, wie die Abbildung oben mit Widmung an den Musikwissenschaftler Adolf Sandberger zeigt.

Aber reichen Einverständnis und Kontakt zum Bearbeiter aus, um eine Urtext-Ausgabe der Cellofassung zu legitimieren? Die Beantwortung der Frage hängt natürlich auch von der Art der Bearbeitung ab. Der Vergleich der beiden Solostimmen demonstriert, dass Delsart sich sehr eng an das Original hielt und sich auf die Transposition des Violinparts in die tiefere Lage beschränkte. Ausnahmen bilden nur einige wenige Stellen, in denen Delsart die Musik den spielerisch-technischen Gegebenheiten des neuen Instruments anpasste, wie zum Beispiel am Ende des zweiten Satzes:

Franck_Sonate_03a

Violinstimme

Franck_Sonate_03b

Cellostimme

Im vorletzten Takt verlegte Delsart die Note fis nach unten, da sie so bequemer zu greifen ist, im letzten Takt fügte er im Schlussakkord den Grundton d hinzu, um den vollen Dreiklang erklingen zu lassen. Auch wenn wir, wie gesagt, keinen Nachweis dafür haben, darf man annehmen, dass Delsart Franck durch das Vorspiel der Cellofassung überzeugt haben dürfte, denn die in der Sonate angelegten expressiven und sonoren Passagen kommen in tieferer Lage nicht weniger schön zur Geltung, wie etwa eine Aufnahme mit Mischa Maisky und Martha Argerich zeigt.

Bei einer kritischen Neuedition der Cellofassung, wie sie im Henle-Verlag in Vorbereitung ist (HN 570), hat dies zur Konsequenz, dass für den Klavierpart ausschließlich und für den Cellopart für den überwiegenden Teil die Quellen der Originalausgabe maßgeblich sind. Lediglich für die wenigen Eingriffe Delsarts stellt die gedruckte Cellostimme notgedrungen die einzige Quelle dar. Insofern lässt sich im vorliegenden Fall eine „Urtext“-Ausgabe rechtfertigen, auch wenn wir weder eine echte Cellosonate noch eine vom Komponisten selbst stammende Bearbeitung vor uns haben.

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