Wann ist bei uns im Verlag eigentlich der Groschen gefallen, dass eine Henle-Ausgabe nicht bis in alle Ewigkeit nur auf Papier das Licht der Welt erblicken muss? Für mich geschah das im März 2011, als ich bei einer Konferenz der Music Teachers National Association (MTNA) in Milwaukee unser Urtext-Konzept vorstellte – und alle nur über das iPad mit mir reden wollten!

Ein Jahr zuvor, im April 2010 war das erste iPad-Modell auf den Markt gekommen. Und es ist erstaunlich, wie viele Musiker auf der Konferenz bereits ein iPad nutzten und nun bei mir Schlange standen, wann Henle denn nun „endlich“ seine Noten digital anbieten würde. Und wenn wir auch noch eine Weile skeptisch blieben, ob diese zusätzliche Veröffentlichungsform für unsere Noten wirklich Vorteile mit sich bringen könnte, so fiel die Saat doch auf fruchtbaren Boden. Fünf Jahre sollte es dauern – ein zum Teil steiniger Weg! – bis das Ergebnis nun im Februar 2016 endlich vorgeführt werden konnte, hoffentlich auch zur Zufriedenheit meiner damaligen Zuhörer in Milwaukee.

Das "Schaufenster" des Henle Stores in der App

Was macht eine gedruckte Notenausgabe zu einer Urtextausgabe des G. Henle Verlags? Vor einigen Jahren haben wir dazu eine Werbekampagne ins Leben gerufen mit den Stichpunkten „Urtext – Kommentare – Notenlayout – Druckverfahren – Papier – Bindung“. Diese Qualitätskriterien sind die Fundamente unserer Marke „Henle“ (zusammen mit dem Service, den wir allen Musikern und unseren Businesspartnern bieten). So, und nun streichen Sie einmal alles das, was nur ein gedrucktes Produkt bieten kann. Übrig bleibt: Urtext – Kommentare – Notenlayout. Würden wir unsere Noten als PDF-Dateien anbieten (oder in jedem anderen Format, das lediglich das Druckbild statisch vorlegt), so wie man es sich an vielen Orten umsonst beschaffen kann, hätten wir eigentlich nur Qualitätsaspekte verloren. Das war uns zu wenig!

Und viel mehr noch: Das allein rechtfertigt nach unserem Verständnis nicht den Einsatz des digitalen Mediums. Diese Plattform bietet viel, viel mehr (mehr auch, als etwa PDF-Reader Apps leisten können). Der Wunsch nach einer mediengerechten Entwicklung war geboren und hat uns von der Idee durch die gesamte Entwurfsphase der App verfolgt. Wir wollen ein digitales Angebot vorlegen, dass zum Üben und Aufführen genauso gut geeignet ist wie die gedruckte Ausgabe und darüber hinaus genuin digitale Funktionen bietet.

Das Notenlayout digital

Musiker schätzen unser erstelltes, leicht erfassbares und ästhetisch anspruchsvolles Notenbild, das in den letzten 67 Jahren in unterschiedlichen Verfahren hergestellt wurde – im Notenstich und seit vielen Jahren auch in verschiedenen Notensatzprogrammen. Für die App sollte dieses hochwertige Notenbild unter allen Umständen erhalten bleiben. Ein Neusatz der Noten oder gar eine Notengrafik, die in der App vollautomatisch erstellt (Neudeutsch: „gerendert“) wird, kam aus Kosten- bzw. Qualitätsgründen nicht in Frage. Stattdessen wollten wir die Notengrafik so flexibel wie möglich darstellbar machen.

Etwas Rand und so viele Notensysteme, wie möglich, oder –

– lieber im Querformat so groß wie möglich?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dazu haben wir die Druckseiten zerschnitten, jedes Notensystem bzw. jede Akkolade ist eine eigene Grafikeinheit. Nun gibt es die Möglichkeit, nicht nur unterschiedliche Displayformate optimal zu füllen, ohne zum Beispiel im Querformat angeschnittene oder halbe Systeme darstellen zu müssen. Zusätzlich kann der Benutzer sein individuelles Wunschlayout selbst einstellen, indem er mehr oder weniger Rand beigibt und mehr oder weniger „Luft“ zwischen die Systeme bringt.

Kompakt oder –

– großzügig?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und so wird’s in unserer Produktionsumgebung gemacht:

Halbautomatisches Zuschneiden der Notensysteme

„ScoreProducer“ heißt diese von unserem großartigen Partner Touchpress programmierte Entwicklungsumgebung. Die roten Linien, an denen entlang die Systeme getrennt werden, finden zunächst vollautomatisch die „Lücken“, anschließend muss man hier und da per Hand nachhelfen.

Sie wollen diese Flexibilität gar nicht und gehören zu den Musikern, die an das Notenlayout der Druckausgabe untrennbar gewöhnt sind? Sie wissen ganz genau, wohin das Auge wandern muss, um eine Stelle zu finden? Kein Problem, schalten Sie auf das Layout der Druckausgabe um!

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Eine besondere Funktion dieser mediengerechten Aufbereitung unserer Noten möchte ich Ihnen hier nicht vorenthalten: Bei Klavierpartituren in der Kammermusik können sie die überlegten kleinen Mitlese-Systeme ausschalten, z.B. wenn Sie zunächst nur Ihren Klavierpart einstudieren wollen. So passt deutlich mehr Musik auf die Seite:

Klaviertrio, 11 Takte!

Klaviertrio, 32 Takte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das funktioniert weder auf Papier noch mit einer statischen PDF!

Und noch etwas kann die gedruckte Ausgabe nicht, ein Manko, mit dem wir konfrontiert werden, seit es unsere Urtextausgaben gibt: Manche Musiker bevorzugen Ausgaben ohne Fingersatz. In den letzten Jahren haben wir darauf in unserem Katalog so reagiert, dass wir – z.B. bei allen Klavierausgaben von J. S. Bach – zwei verschiedene Ausgaben anbieten, eine mit, eine ohne Fingersatz. Das ist eine sehr kostspielige Variante, die wir natürlich nicht für unser gesamtes Programm umsetzen könnten. Der digitale Notentext macht’s möglich: Sie können den Fingersatz ein- oder ausschalten und – ein ganz besonderer Luxus – Sie können zwischen verschiedenen Fingersätzen wählen:

Fünf verschiedene Fingersätze oder keiner?

In unserer Entwicklungsumgebung zeigt sich der Aufwand, der betrieben werden muss, um diesen Luxus bereitstellen zu können:

Halbautomatisches Erkennen von Fingersatzzeichen

Jedes einzelne Fingersatzzeichen in unserem Notentext muss identifiziert und markiert werden, damit es ein- oder ausgeschaltet werden kann. Zum Glück erkennt unser „ScoreProducer“ die meisten Zeichen dank schlauer Programmierung selbst.

Musiker sind von dieser Flexibilität bei der Gestaltung des Notenlayouts begeistert. Die Ergänzung von weiteren Fingersätzen – historischen und solchen lebenden Künstlern – wird als eine echte Bereicherung gesehen, zumal man über den Bearbeitungsmodus der App diese Fingersätze als Basis für eigene Einrichtungen wählen und modifizieren kann. Hier spielt das digitale Medium alle seine Stärken aus.

Fortsetzung folgt …

 

LADEN SIE DIE APP

Laden Sie die App aus dem App Store auf Ihr iPad:

 

Ab Juni 2016 wird es die App auch für Android-Geräte geben!

Hier finden Sie Hinweise zur Benutzung der vielen Features der App.

 

 

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