Richard Strauss (1864–1949)

Unglaublich, aber wahr: Bislang unbemerkt in diesem Blog hat letztes Jahr einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts das Henle-Universum betreten – Richard Strauss. Schuld daran ist natürlich ein gewisser Komponist mit B, dessen 250. Geburtstag wir hier so ausführlich gefeiert haben, dass manches zurücktreten musste. Aber nun ist es höchste Zeit, Strauss auch in diesem Forum endlich einzuführen. Denn die Edition dieses modernen Klassikers hat das Henle-Lektorat naturgemäß vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Während meine Kollegen sich mit der Instrumentalmusik beschäftigten und bei der Edition von Duosonaten und Solokonzerten Überlieferungs- und Textfragen in engem Austausch mit ausübenden Musikern klärten, hatte ich als Lied-Redakteurin zunächst einmal ganz banal die Qual der Wahl: Über 200 Klavierlieder hat uns Strauss hinterlassen, eines schöner als das andere – wo beginnen?

Pauline Strauss-de Ahna (1863–1950)

Das Lied zieht sich durch Strauss’ gesamtes Schaffen: von den ersten Versuchen des Oberschülers aus den 70er Jahren über die zahlreichen zu einem Opus zusammengefassten Liedgruppen, die ab Mitte der 80er Jahre teils in sehr schneller Folge im Druck erschienen, bis hin zu den berühmten Vier letzten Liedern aus dem Jahr 1948. Einige seiner Klavierlieder hat Strauss später auch orchestriert, viele verdanken ihre Entstehung und Berühmtheit herausragenden Sängerinnen und Sängern – darunter seine Ehefrau Pauline de Ahna, mit der Strauss bis zu ihrem Rückzug von der Bühne (1906) häufig gemeinsam auftrat. Wie man den detaillierten Angaben in der Richard-Strauss-Chronik von Franz Trenner entnehmen kann, kombinierte Strauss dabei gerne Einzelstücke verschiedener Zyklen – sei es bei reinen Liedrecitals oder in großen Orchesterprogrammen, wo zwischen zwei Symphonischen Dichtungen einige Orchesterlieder erklangen. Dies steht in einem gewissem Widerspruch zur durchaus planvollen Disposition der unter einer Opus-Nummer zusammengefassten Liedgruppen – die häufig einem Dichter oder Thema gewidmet sind und mitunter auch einer gewissen Dramaturgie folgen. Aber es entspricht der damaligen Aufführungspraxis: Auch aus den Zyklen eines Schubert oder Schumann wählte man damals gerne nur einzelne Lieder zum Vortrag aus.

Bemerkenswert ist jedoch, dass diese Auflösung in frei kombinierbare Einzelstücke bei Strauss bis heute wirksam geblieben ist: Bei Liederabenden oder auf CD wird in der Regel eine bunte Auswahl aus den verschiedenen Zyklen präsentiert. Selbst wenn die Lieder eines Zyklus vollständig vertreten sind, erklingen sie nicht unbedingt hintereinander – was bei einem Schubert- oder Schumann-Programm kaum mehr denkbar wäre. Dass dieser freie Umgang mit Strauss’ Liedern möglicherweise auch auf die gedruckte Überlieferung zurückgeht, wurde mir deutlich, als ich die hochinteressante Geschichte der Druckausgaben der Acht Gedichte op. 10 und der Vier Lieder op. 27 recherchierte, in denen sich mit Zueignung und Allerseelen (aus op. 10) sowie Morgen! (aus op. 27) die populärsten Strauss-Lieder befinden.

Beide Opera erschienen im Verlag Jos. Aibl, München, den der Strauss väterlich zugetane Eugen Spitzweg gemeinsam mit seinem Bruder Otto führte. Spitzweg gebührt das Verdienst, den jungen Komponisten als erster Verleger unterstützt zu haben: Zwischen 1881 (!) und 1899 veröffentlichte er 30 Werke von Strauss, darunter neben Kammermusik, Konzerten, symphonischen Dichtungen und dem Opernerstling Guntram immerhin auch neun Lied-Opera mit insgesamt über 40 Liedern. Und das, obwohl Spitzweg auf die Liedangebote seines Schützlings zunächst abwehrend geantwortet hatte, dass er „Anderes vorzöge – Sie kennen meine Angst vor Gesangswerken“!

Titelseite der Erstausgabe op. 10

Titelseite der Erstausgabe op. 27

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Anfang machten 1887 die Acht Gedichte aus „Letzte Blätter“ von Hermann von Gilm op. 10 in zwei Heften zu je vier Liedern, denen die ebenfalls heftweise veröffentlichten Opera 19 (Sechs Lieder aus „Lotosblätter“ von A. F. Schack, 1888), 21 (Schlichte Weisen. Fünf Gedichte von Felix Dahn, 1890) und 26 (Zwei Lieder nach Nikolaus Lehnau, 1894) folgten. Die Vier Lieder op. 27, die Strauss als Hochzeitsgabe „Meiner geliebten Pauline zum 10. September 1894“ schenkte, erschienen dagegen in vier Einzelausgaben, wie es fortan die Regel werden sollte.

Strauss selbst hatte Anfang der 90er Jahre angeregt, seine – in der Regel für hohe Stimme gesetzten – Lieder auch in tieferer Lage und in Einzelausgaben zu veröffentlichen, wie dies der Hamburger Verlag Daniel Rahter für seine Lieder op. 15 und 17 seit 1887 anbot. Beides verfolgte Spitzweg so planvoll, dass er im Januar 1896 im Musikalischen Wochenblatt unter der Überschrift „Richard Strauss. Lieder für eine Singstimme mit Clavierbegleitung.“ die Opera 10, 19, 21, 26, 27 und 29 in zwei Lagen anbieten konnte und dieses Prinzip auf zukünftige Erstausgaben übertrug.

Ausschnitt der Anzeige im Musikalischen Wochenblatt, Januar 1896

Aber damit nicht genug: Schon auf der 1887 zum Druck vorbereiteten Stichvorlage von Opus 10 findet sich die Anweisung „So zu stechen, dass für Textübersetzung Raum zu einer 2ten Zeile bleibt“. Es war also bereits damals eine zweisprachige Ausgabe geplant, wenn auch zunächst nicht umgesetzt worden – möglicherweise auf Einspruch des Komponisten, der Übersetzungen seiner Lieder zunächst skeptisch gegenüberstand. Nachdem aber 1891 bei Fürstner die Mädchenblumen op. 22 mit der ausdrücklichen Autorisierung von Strauss in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen waren, konnte auch Spitzweg nachziehen und sich damit das begehrte amerikanische Copyright sichern. In Absprache mit dem Komponisten ließ er von John Bernhoff englische Übersetzungen anfertigen und zusätzlich unterlegen. 1897 meldete er die bisher erschienenen Opera in Amerika in zweisprachigen Ausgaben an. 1898 wurden dann bereits die Erstausgaben der Lieder op. 36 und 37 in hoher und tiefer Lage jeweils mit zweisprachiger Textierung veröffentlicht. Auf diese Weise vergrößerte Spitzweg die Absatzmöglichkeiten der Lieder auf das Vierfache – was nicht unwesentlich zu ihrer Verbreitung beigetragen haben dürfte.

Ausschnitt aus dem Copyright Katalog Nr. 337 (13.–18. Dezember 1897), S. 40

Hinsichtlich der Verwertungsstrategie nur folgerichtig erscheint dann der letzte Schritt, den Spitzweg ging, als er 1904 sämtliche in seinem Verlag erschienenen Lieder in einem vierbändigen Lieder-Album anbot. Das Besondere daran: Dem Geschmack der Zeit folgend sind in jedem Band einzelne Lieder aus verschiedenen Zyklen kombiniert, so dass die originalen Gruppierungen vollständig in den Hintergrund treten. Die nach Verkauf des Aibl-Verlags von der Universal Edition übernommene Sammlung wurde bis in das 21. Jahrhundert hinein in zahlreichen Auflagen nachgedruckt und hatte als „das“ Strauss-Lieder-Album sicher nicht unwesentlichen Einfluss auf die Wahrnehmung der Lieder als Einzelstücke.

Inhaltsverzeichnis Lieder-Album

Wäre es da nicht konsequent, wenn auch wir bei Henle einen Sammelband der beliebtesten Strauss-Lieder vorlegten? Ja und Nein: Durch die historische Aufführungs- und Editionspraxis wäre dies durchaus legitimiert, und schließlich gibt es bei Henle ja auch aus dem schier unerschöpflichen Sonatenfundus eines Clementi oder Scarlatti Auswahlbände mit den populärsten Werken. Aber der in einer Urtext-Ausgabe ganz wesentliche Aspekt der ursprünglichen Werkgestalt mit seiner dramaturgischen Disposition der Texte wäre dann nicht mehr nachvollziehbar, eine angemessene Würdigung der Entstehungsumstände kaum möglich. Wieviel einem dabei entgeht, wurde mir als Herausgeberin erst klar, als ich mich intensiver mit den Acht Gedichten op. 10 (HN 1458) beschäftigte: Von der „mit Weihe“ vorzutragenden Zueignung bis zum herbsüßen Abschied in Allerseelen werden hier mal melancholisch, mal ironisch im Tonfall die Spielarten unglücklicher Liebe so überzeugend dargeboten, dass man sich dringend einmal eine Aufführung in dieser Abfolge wünschen würde. Vielleicht trägt unsere Ausgabe ja mit dazu bei!

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