Johann Kuhnau

In diesem Jahr widmen sich die wechselnden Autoren unseres Henle-Lektoren-Blogs neben lauter spannenden Spezialthemen in regelmäßigen Abständen Komponisten-Jubiläen. Erst vor zwei Wochen schrieb mein Kollege Peter Jost eine Würdigung zu César Francks 200. Geburtstag. Heute gehe ich in der Musikgeschichte einen großen Schritt zurück und werfe ein paar Schlaglichter auf Johann Kuhnau (geboren 6. April 1660), dessen 300. Todestag wir gestern begehen konnten. Runde Geburtstage eignen sich prinzipiell besser zum Feiern als Todestage. Aber da sich gestern Kuhnaus Todestag (5. Juni 1722) zum 300. Mal jährte, ist das ein guter Anlass, sich einmal genauer mit dieser faszinierenden Persönlichkeit aus dem 17./18. Jahrhundert zu befassen.

Einsteigen will ich mit Musik – Trauermusik, passend zum Todestag. Denn eines der bekanntesten Werke Kuhnaus ist die Motette „Tristis est anima mea“ zum Gründonnerstag (wobei Kuhnaus Autorschaft in jüngerer Zeit angezweifelt wird…). Angesichts dieser hochexpressiven, bewegenden Musik frage ich mich: Warum hören wir nicht mehr von Kuhnau? Und mit dieser Frage sind wir gleich schon im Zentrum eines der Kuhnau-Probleme. Ein Großteil seines Schaffens muss nämlich als verloren gelten; hinzu kommen etliche Werke von zweifelhafter Echtheit (wie eben auch die Motette „Tristis est anima mea“). Schauen Sie einmal auf die Werkliste im Wikipedia-Eintrag. Es liegt auf der Hand, dass sich diese Basis schlecht dazu eignet, das Schaffen eines Künstlers zu würdigen. Unser Bild vom Komponisten Kuhnau muss zwangsläufig lückenhaft und unscharf bleiben. Ein Jammer, denn wer weiß, welche Schätze uns da verloren gegangen sind…

Was aber wissen wir über Kuhnau? Die am häufigsten zu hörende Antwort führt uns gleich zum nächsten Kuhnau-Problem. Kuhnau war Johann Sebastian Bachs Vorgänger im Amt des Thomaskantors. Welch traurige Bilanz, wenn das bekannteste biographische Detail auf einen anderen Komponisten verweist, in dessen mächtigem Schatten Kuhnau in der musikgeschichtlichen Wahrnehmung der Nachwelt steht! Von Konkurrenten überschattet zu werden – dieses Schicksal drohte Kuhnau auch schon zu seinen Lebzeiten. Denn gleichzeitig mit ihm wirkte in Leipzig der junge Georg Philipp Telemann, der schnell ein begeistertes Publikum um sich scharte und auch die Leipziger Ratsherrn so überzeugte, dass sie Kuhnau zentrale Teile seiner Verpflichtungen entzogen und in Telemanns Hände legten – was zu langwierigen Querelen zwischen Kuhnau und seinen Arbeitgebern führte. „Das wilde Opern Wesen“, das Telemann aus Kuhnaus Sicht veranstaltete, drängte diesen an den Rand des musikalischen Geschehens.

Dabei hatte Kuhnau außergewöhnlich viel zu bieten. Neben der Musik war die Rechtswissenschaft sein zweites Standbein. Kuhnau war promovierter Jurist, praktizierte lange Zeit als Anwalt und galt als umfassend gebildeter Gelehrter. Sogar einen satirischen Roman hat er zu Lebzeiten veröffentlicht.

Von bleibendem Wert sind die von ihm selbst im Druck veröffentlichten Zyklen mit Werken für Tasteninstrumente: Zwei Suiten-Reihen (Clavier Übung, Teil I & II), die Frischen Clavier Früchte und die Musicalische Vorstellung einiger biblischer Historien. Sämtliche Werke für Tasteninstrument sind 2014 im G. Henle Verlag in einem Sammelband erschienen.

Am populärsten sind sicher die oft „Biblische Sonaten“ genannten Werke, weil sie besonders schöne Beispiele für barocke, programmatisch inspirierte Musik darstellen. Kuhnau nimmt sich in jeder dieser sechs Sonaten ein biblisches Thema aus dem Alten Testament vor und malt verschiedene Szenen mit Tönen (wobei im Notentext mit Hilfe von Überschriften das jeweilige Geschehen verdeutlicht wird). Exemplarisch hier eine Seite aus der 1. Sonate, die das Thema „David gegen Goliath“ hat. Kuhnau komponiert etwa sehr anschaulich aus, wie David den Stein schleudert und Goliath fällt.

Die gesamte Sonate (mit übersetzten Texten – und Bildmaterial, das aber nicht von Kuhnau stammt) lässt sich hier gut nachverfolgen.

Mir persönlich gefallen jedoch die „freien“ Kompositionen besser, die Suiten der beiden „Clavierübungen“ (z.B. die Nr. V, oder die wunderbare Aria aus der VI. Suite). Aber auch die „Clavier Früchte“ sind äußerst reizvoll. Vom formalen Zuschnitt her handelt es sich um barocke Ensemble-Sonaten; indem Kuhnau jedoch für ein Tasteninstrument schreibt, gehört er zu den ersten Komponisten, die Sonaten für „Clavier“ erfanden. Zu entdecken sind mannigfaltige Formen zwischen Triosonate und Concerto. Klanglich, rhythmisch, harmonisch äußerst reizvolle Musik, die sich selbstverständlich auch auf dem modernen Klavier oder Flügel bestens darstellen lässt.

Ich kann nur empfehlen, sich einmal auf Entdeckungsreise durch diesen Kosmos zu begeben. Uns ist diese Musik nicht mehr sehr präsent; das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kuhnaus Drucke zu seinen Lebzeiten sehr erfolgreich waren, und sogar Charles Burney schreibt 1775, gut 50 Jahre nach Kuhnaus Tod: „Er komponierte […] (besonders wichtige) Cembalo Sonaten, die noch immer erhältlich sind und gespielt werden.“ Zu einer Zeit, als zumeist nur das gespielt wurde, was gerade frisch komponiert war, als der Repertoire-Gedanke noch nicht ausgeprägt war, ist es erstaunlich, dass Kuhnaus Werke für Tasteninstrument offensichtlich noch immer Teil der allgemeinen Musikpraxis waren.

Für diese große Verbreitung sind die zahlreichen Druckexemplare Zeugnisse, die sich bis heute erhalten haben. Kuhnaus Drucke erfuhren immer wieder Nachauflagen, sodass sich ein breiter Quellenfundus erhalten hat. Dieser Fundus stellte allerdings wiederum den Herausgeber (mich selbst) vor ganz neuartige editorische Probleme. Schnell zeigte sich im Verlauf des Quellenvergleichs, dass Kuhnau bei Nachdrucken die Chance nutzte, seine Werke zu korrigieren. Diese Korrekturseiten wurden aber bei einer neuen Auflage nicht immer auch in die neuen Exemplare eingebunden, sondern teilweise wurden Seiten aus älteren Stadien verwendet, wenn diese noch verfügbar waren. Neuauflagen (die man am neuen Titelblatt schnell als solche identifizieren kann) enthalten paradoxerweise daher mitunter alte, inzwischen überholte Textstände, sodass fallweise zu entscheiden war, welche Teile des Quellenmaterials tatsächlich die Fassung letzter Hand überlieferten. Wer sich für derartige „philologische Nüsse“ interessiert, dem sei ein Blick in den Kritischen Bericht empfohlen.

An Kuhnaus Erfolg zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus können wir also nicht zweifeln. Ich wünsche mir, dass dieser Erfolg – vielleicht auch aus Anlass des 300. Todestages – wieder einen neuen Schub erhält.

Und apropos Schatten: Wer in wessen Schatten stand (Kuhnau bzw. Bach) muss aus historischer Sicht vermutlich anders bewertet werden. Ist es Zufall, dass Bach ausgerechnet mit seinem gedruckten „Opus 1“, den 6 Partiten für Cembalo BWV 825–830, im Titel an seinen Amtsvorgänger anknüpft und sie „Clavier Übung“ nennt? Der Titel mag zwar allgemein gebräuchlich gewesen sein, Bach wird aber sicher auch den damals noch zirkulierenden Drucken der „Clavier Übung“ Kuhnaus seine Referenz erwiesen haben.

Dieser Beitrag wurde unter Kuhnau_Johann, Montagsbeitrag abgelegt und mit verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.