Ludwig van Beethoven (1770–1827)

Unter den im Beethoven-Werkverzeichnis gelisteten Quellen zu seinen Kompositionen findet sich gelegentlich ein Abschnitt über eine rare, aber nichtsdestotrotz für jede Edition informative Quellensorte: seine Korrekturverzeichnisse oder Korrekturhinweise, die sich meist in Briefen an Verlage oder Vermittler finden. Ein kleiner kursorischer Überflug.

Korrekturverzeichnisse erscheinen in der chronologischen Reihe der zu einer Komposition entstandenen Quellen erst relativ spät. Die uns heute überlieferten Dokumente, in denen Beethoven Korrekturen mitteilte, stehen fast ausschließlich im Zusammenhang mit der Drucklegung von Werken, an denen die schöpferische Arbeit abgeschlossen war. Es handelt sich bei diesen Verzeichnissen im Wesentlichen um die Ergebnisse handwerklicher Arbeit, der Tätigkeit des Korrekturlesens. In den seltensten Fällen griff Beethoven an dieser Stelle noch einmal signifikant schöpferisch in seine Komposition ein – und doch geschah dies gelegentlich, wie etwa im Fall der Hammerklaviersonate: Als die Manuskripte zu dieser Sonate bereits nach Leipzig und London zur Drucklegung abgeschickt waren, entschloss sich Beethoven, dem langsamen Satz die berührende, in Ihrer Einfachheit kaum zu überbietende eintaktige Einleitung/Überleitung voranzustellen. In einem Brief an seinen ehemaligen Schüler Ferdinand Ries, der in London die Drucklegung begleitete, schreibt Beethoven im Juni 1819:

„Hier lieber R. die t[e]mpos der sonate […] 3-tes Stück M. Metronom = 92 | hiebey ist zu bemerken, daß der erste Takt noch muß eingeschaltet werden nemlich:

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Als Beethoven um die Wende zum 19. Jahrhundert herum begann, seine Werke nicht nur an Wiener Verleger – sozusagen vor seiner Haustüre – zu verkaufen, stellte er schnell fest, dass die räumliche Distanz nach Leipzig, Bonn, Zürich, Berlin oder London seine eigenen Schwierigkeiten mit sich brachte. Denn während er in Wien die Verleger ohne großen Aufwand aufsuchen und zum Teil vor Ort, zum Teil in seiner eigenen Wohnung die vorbereiteten Notenstiche und Notenfahnen mehrfach Korrektur lesen konnte, weigerten sich die Abnehmer in anderen Städten Europas häufig, durch ein Hin- und Hersenden von Vorabdrucken die Veröffentlichung zum Teil um Monate zu verzögern. Man ging wohl bewusst das Risiko ein, dass hier und da im Notentext nicht alles perfekt wiedergegeben war. Auch behalf man sich zum Teil vor Ort damit, erfahrene Musiker die Korrekturlesung vornehmen zu lassen bzw. fatalerweise den Notentext zu „entschärfen“, wo er – was bei Beethoven bekanntlich des Öfteren der Fall war – etwas „bizarr“ daherkam.

Korrekturlisten sind uns daher vor allem aus der Zeit nach 1800 überliefert, mit einer einzigen Ausnahme: Im Juni/Juli 1793 hatte Beethoven offensichtlich in Eisenstadt, also außerhalb Wiens, Vorabzüge seiner Variationen über „Se vuol ballare“ aus Mozarts „Figaro“ für Violine und Klavier WoO 40 zur Korrektur erhalten. Er schrieb an einen nicht weiter identifizierbaren Mitarbeiter des Verlags Artaria und meldete in einer langen Liste die Fehler, die er im Stich gefunden hatte (Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe, Brief Nr. 10).

Beethoven an einen Angestellten des Verlags Artaria & Comp., nach dem 19. Juni 1793. Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Beethoven-Hauses in Bonn.

Hier zeigt sich ein deutliches Muster in Beethovens Vorgehen beim Korrekturlesen. Er arbeitet den Notentext offensichtlich mehrfach durch – nach einem ersten Durchgang springt er vor und zurück und nennt weitere Stellen. Auffällig ist, dass er sich zwar intensiv um die primären Zeichen des Notentextes, Tonhöhe und Rhythmus, kümmert, dass er aber zu den sekundären Zeichen, vor allem zur Dynamik und Artikulation, keinerlei Fehler meldet. Stattdessen stören ihn marginale Details. So moniert er in dem abgebildeten Abschnitt oben, dass an einer Sextolenfigur die Ziffer „6“ zwei Mal gestochen wurde.

Wie wichtig ihm verständlicherweise die Ausführung der Korrektur war, stellt er in besagtem Schreiben am Ende fest: „sie sind sehr geplagt mit dieser Kleinigkeit [gemeint ist wohl: Kleinlichkeit], unterdessen sehn sie selbst, daß es wichtige Fehler sind. Ich bitte sie, ja doch zu eilen, daß alles dieses […] geändert wird. sollten schon einige verkauft seyn, so muß artaria sorgen, daß er die exemplare wider bekommt, und die Fehler Corrigirt.“ Tatsächlich sind sämtliche im Brief geforderte Änderungen in den bekannten Exemplaren der Originalausgabe ausgeführt.

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Ferdinand Ries (1784–1838)

Im Herbst 1801 traf der 17-jährige Bonner Ferdinand Ries in Wien ein, unter anderem, um bei Beethoven zu studieren. Letzterer nahm ihn als Schüler auf, beschäftigte ihn aber schon bald als „Mädchen für alles“, besonders auch bei der Organisation von Notenmaterial für Aufführungen und bei der Drucklegung seiner Werke. Beethoven hatte zum Beispiel 1802 seine Klaviersonaten op. 31 an den Züricher Verleger Nägeli verkauft, eine ungewöhnliche Partnerwahl, die bald Beethovens Rage entfachen sollte. Denn Nägeli hatte nicht nur keine Vorabzüge zur Korrektur gesandt, sondern sich in der 1. Sonate auch erlaubt, Beethovens Notentext zu „verbessern“. Ferdinand Ries schreibt dazu in seinen biographischen Notizen:

„Spielen Sie die Sonaten einmal durch,“ sagte er [Beethoven] zu mir, wobei er am Schreibpulte sitzen blieb. Es waren ungemein viele Fehler darin, wodurch Beethoven schon sehr ungeduldig wurde. Am Ende des ersten Allegro’s, in der Sonate in G dur, hatte aber Nägeli sogar vier Tacte hinein componirt, nämlich nach dem vierten Tacte des letzten Halts: Als ich diese spielte, sprang Beethoven wüthend auf, kam herbei gerannt und stieß mich halb vom Clavier, schreiend: „ Wo steht das, zum Teufel?“ – Sein Erstaunen und seinen Zorn kann man sich kaum denken, als er es so gedruckt sah. Ich erhielt den Auftrag, ein Verzeichniß aller Fehler zu machen und die Sonaten auf der Stelle an [den Verlag] Simrock in Bonn zu schicken, der sie nachstechen und zusetzen sollte: Edition très correcte.“ (Franz Gerhard Wegeler und Ferdinand Ries, Biographische Notizen über Ludwig van Beethoven, Coblenz 1838)

Tatsächlich erklärte sich Nikolaus Simrock in Bonn bereit, diese Sonaten ebenfalls herauszugeben, und Beethovens Bruder Kaspar Karl konnte ihm den Umfang des entstandenen Korrekturverzeichnisses im Mai 1803 mitteilen: „schreiben Sie uns damit wir Ihnen ein Verzeichniß von einigen 80 fehler schicken welche darinnen sind.“ (Briefwechsel Brief Nr. 139) Das Verzeichnis selbst ist bedauerlicherweise verschollen und auch ein Exemplar der Originalausgabe mit eingetragenen Korrekturen, aber wir wissen von Ferdinand Ries, dass er die gesamte Organisation inklusive Korrekturlesungen mit Simrock übernahm und im Dezember melden konnte: „auch für die 2 Züricher Sonaten läßt er [Beethoven] Ihnen herzlich danken. Sie freuen ihn sehr und er wünscht gewiß mehrere Exemplare davon anbringen zu können.“ (Briefwechsel Brief Nr. 173)

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Ab 1805 musste Beethoven auf Ferdinand Ries’ Dienste vor Ort in diesen Angelegenheiten zunächst verzichten, denn sein Schüler verließ Wien und reiste zurück nach Bonn. Der Komponist hatte sich nun selbst um die Organisation von Korrekturgängen zu kümmern, und es entspann sich zum Beispiel mit dem Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel eine intensive Korrespondenz. Zwischen 1809 und 1812 erschienen dort die Opera 67 bis 86, also eine sehr beachtliche Gruppe von bedeutendsten Werken aus der Feder des Komponisten, darunter die 5. und 6. Symphonie, das 5. Klavierkonzert, Fidelio, Christus am Ölberge und die C-dur-Messe. Beethoven beschwerte sich Breitkopf gegenüber immer wieder darüber, dass man ihm nicht von allen Drucken Vorabzüge zur Korrektur sandte. So etwa am 21. August 1810: „übrigens, denn ich weiß es, das Manuscript mag so richtig seyn, wie es will, Es werden doch Mißdeutungen gemacht, wünschte ich doch die Exemplare vorher zu sehen, damit ihre schönen Auflagen auch hierbey mehr gewännen“ (Briefwechsel Brief Nr. 465).  In einem Brief vom 15. Oktober 1810 wird der Ton bereits schärfer, Beethoven erklärt sich in größerem Detail:

„sorgen sie ja und gehn sie doch ein, weswegen ich sie oft gebeten, schiken sie ein probe exemplar, aber auch die Manuskripte, man klagt über die Unrichtigkeit des Stichs, und ich habe bemerkt, daß auch die klärste schrift gemißdeutet wird – wir haben noch neulich die 4stimmigen Gesänge und andere von Haiden von ihnen gestochen durchgegangen und habe unglaubliche Fehler und auch viele derer gefunden […] warum ich die Manuskripte begehre mit dem probe exemplar ist, weil ich beynahe keins besize, weil wohl hier und da ein guter Freund mich darum begehrt […] Es ist auch unangenehm für den autor sein Werk nicht korrekt zu wissen“ (Briefwechsel Brief Nr. 474).

Breitkopf schickte dennoch vorerst weiterhin die Drucke erst nach Erscheinen, in den ersten Monaten des Jahres 1811 gingen dann doch schließlich Vorabzüge an Beethoven, etwa zum 5. Klavierkonzert op. 73, zur Fantasie op. 80 und zur Klaviersonate op. 81a. Doch Beethoven traute dem Braten zurecht nicht:

„Daß sie das Konzert schon an das Industrie Komptoir [Musikalienhändler und -verleger], und wer weiß, wo sonst noch überall hinschicken ist mir gar nicht recht, ehe sie die Correctur erhalten haben, warum wollen sie denn kein werk ohne fehler herausgeben, schon vorgestern ist die Korrektur des Konzerts von hier fort, wenn nun das Industrie-Komptoir das Konzert erhält muß ich die Fehler [vermutlich fortzusetzen: „öffentlich bekannt machen“ oder „in den Exemplaren dort mit Tinte korrigieren lassen“] Nb: fehler gib[t’s] im K. genug künftigen Sonnabend wird die Fantasie Korrektur ebenfalls samt meiner Partitur abgeschickt, welche letztere ich mir aber gleich wieder erbitte“ (Briefwechsel Brief Nr. 495)

Drei Tage später folgt dann ein weiterer Brief an die Leipziger Verleger, er ist inzwischen berühmt-berüchtigt wegen Beethovens starkem Ausbruch gleich zu Beginn:

„Fehler–Fehler–sie sind selbst ein einziger Fehler – da muß ich meinen Kopisten hinschicken, dort muß ich selbst hin, wenn ich will, daß meine Werke – nicht als Bloße Fehler erscheinen – das Musick-tribunal in L.[eipzig] bringt wie es scheint, nicht einen einzigen ordentlichen Korrektor hervor, dabey schicken sie noch, ehe sie die K.[orrekturen] erhalten die Werk ab“ (Briefwechsel Brief Nr. 496).

Beginn des Briefes vom 6. Mai 1811 an Breitkopf & Härtel

Es ist jedoch nur fair, auch aus dem weiteren Teil dieses Briefes zu zitieren, denn Beethovens Ausbruch wandelte sich doch bald zu gemäßigteren Tönen:

„leben sie wohl, ich hoffe Beßerung […] Fehlen sie so viel sie wollen, laßen sie so viel Fehler wie sie wollen – sie sind bey mir doch hochgeschätzt, dies ist ja der Gebrauch bey den Menschen, daß man sie, weil sie nicht noch großre Fehler gemacht haben, schäzt – ihr ergebenster Diener Beethowen.“

Beigelegt war diesem Brief – natürlich – ein weiteres Korrekturverzeichnis!

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Ab April 1813 bis ins Jahr 1824 lebte Ferdinand Ries in London – und wurde kurzerhand erneut von Beethoven als Helfer in vielen Verlagsangelegenheiten eingespannt. Denn der Komponist war schon einige Jahre zuvor dazu übergegangen, seine Werke gewinnbringend nicht nur an einen Verleger, sondern an mehrere in verschiedenen Ländern gleichzeitig zu verkaufen. Muzio Clementi etwa hatte die Gruppe der Werke Opus 73 bis 82, die Beethoven – wie oben berichtet – auch an Breitkopf veräußert hatte, für London gekauft und ließ sie 1810/11 dort parallel erscheinen. Daher war es für Beethoven naheliegend, Ries um die Vermittlung weiterer Kompositionen in London zu bitten: „ich wünschte, daß sie sähen folgende 2 Werke, eine große Solo Sonate für Klawier und eine von mir selbst umgeschaffene Klawier Sonate in ein Quintett für 2 Violin 2 Bratschen 1 Violonschell an einen Verleger in London anzubringen.“ (Briefwechsel Brief Nr. 1258, kurz vor dem oder am 19. Mai 1818) Bei der erwähnten Klaviersonate handelte es sich um keine geringere als die Hammerklaviersonate op. 106. Beethoven verkaufte sie parallel auch an den Wiener Verleger Artaria. Um beide Verlage zu bedienen, musste er nun über seinen Kopisten Schlemmer und dessen Gehilfen Abschriften seines Autographs anfertigen lassen. Dies gelang mehr schlecht als recht:

„lieber R. verzeihen sie mir vielmahl die Ungelegenheiten, welche ich ihnen mache, unbegreiflich ist es mir, wie sich in die Abschrift der Sonate so viele Fehler einfinden konnten, die Eile mag mit schuld haben, u. daß der Copist sie nicht selbst sondern von einem andern Copiren ließe, erst beym durchspielen des hiesigen abgeschriebenen Exenplars fanden sich die Fehler, manche sind auch vieleicht schon früher corrigert worden“ (Briefwechsel Brief. Nr. 1295 vom 19. März 1819).

Diesem Brief nun lag wohl das umfangreichste Korrekturverzeichnis bei, das uns von Beethoven erhalten ist. Leider ist das Verzeichnis nur noch fragmentarisch überliefert, es wird schätzungsweise 150 Korrekturhinweise aufgelistet haben, von denen 114 heute noch vorhanden sind. Auch hier, wie schon im Verzeichnis an Artaria von 1793, lohnt sich ein genauerer Blick in die Art der Korrekturen, die Beethoven aufzeichnete. Der überwiegende Teil bezieht sich auf Tonhöhenkorrekturen oder -klarstellungen durch Akzidentien (in 50 Takten ergänzt bzw. streicht Beethoven fehlende bzw. falsche Zeichen, in 28 Takten werden Warnungsakzidentien ergänzt). Die weiteren Korrekturen betreffen – sortiert nach Häufigkeit – Noten- und Pausenergänzungen bzw. -streichungen, Notenwerte bzw. Rhythmus, Notenstellung (inklusive Halsrichtung und Balkung), Pedal, Triller, Tempo und Taktstriche. In der gesamten Liste findet sich nicht eine einzige Anweisung zu Dynamik- oder Artikulationszeichen, ganz wie 26 Jahre zuvor zu den Variationen WoO 40.

Teil des Fehlerverzeichnisses im Brief an Ferdinand Ries vom 19. März 1819

Beethovens Korrekturverzeichnisse: Wie man sieht, eine ungewöhnliche, seltene, aber für jeden Editor seiner Werke wichtige Quellensorte.

 

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