Viele Pianisten kennen das Problem: Zum Schluss von Chopins zweiter Ballade kursieren verschiedene Fassungen. Wie kam es zu diesen Varianten und – vielleicht noch wichtiger – welche Version ist die „richtige“?

Frédéric Chopin (1810–1849) konnte seine Verleger zur Weißglut treiben. Noch einigermaßen gefasst schrieb Maurice Schlesinger 1833 an seinen Leipziger Kollegen Friedrich Kistner:

„Chopin ist nicht allein ein Mann von Talent sondern es liegt ihm an seinem Ruf, er feilt daher immer noch den Werken nach, die längst beendet; alles, was er uns verkauft, ist fertig, ich habe es mehreremahlen in Händen gehabt, aber es ist ein Unterschied bei ihm zwischen beendet und geliefert.“

Einige Wochen später war Schlesingers Tonfall schon ein Spur angespannter:

„Erst heute erhielt ich von Chopin die erste Correktur der ersten sechs Etüden, angefüllt mit Fehlern; er ist so ängstlich, dass es schwer ist, von ihm etwas zu erhalten“.

Chopin tat sich offenbar nicht leicht damit, ein Werk aus den Händen zu geben und ihm im Druck eine endgültige Gestalt zu verleihen. Dafür ist der Schluss der zweiten Ballade ein gutes Beispiel. Es ist erstaunlich, wie oft er an den letzten beiden Takten der Ballade feilte. Offenbar bereitete ihm die Frage Kopfzerbrechen, wie das von extremen Gegensätzen geprägte Werk zu einem stimmigen Abschluss zu bringen war.

Das Stück pendelt zwischen volksliedhaften Passagen in F-dur und dramatischen Ausbrüchen in a-moll. Chopin war sich wohl nicht sicher: Sollte er mit einer schlichten Kadenz enden oder dem Schluss mehr Gewicht verleihen?

Im Autograph präsentiert sich die Stelle folgendermaßen:

Ursprünglich hatte Chopin Schluss 1 vorgesehen (Notenbeispiele siehe unten). Er verwarf ihn aber und korrigierte zur schlichteren Version 2.

Die Sachlage wäre eindeutig, wenn Chopin nicht später zu seiner ursprünglichen Lösung zurückgekehrt wäre. In der Abschrift des Autographs, die Vorlage für die deutsche Erstausgabe war, änderte Chopin eigenhändig die schlichte Kadenz 2 zu Version 3 (Stichfehler: C1 statt E1). Dieser Schluss 3 kursiert bis heute in den Ausgaben von Herrmann Scholtz (Peters) und Ignaz Jan Paderewski (PWM).

In der französischen Erstausgabe wurde die schlichte Kadenz 2 aus dem Autograph gedruckt. In einer späteren Auflage korrigierte Chopin dies jedoch zu Version 4. So erscheint der Schluss auch in der Ausgabe von Karol Mikuli, auf die Pianisten heute noch oft zurückgreifen. (Mikuli ergänzt im letzten Takt ein A1 im Bass).

Beispiel 1

Beispiel 2

Beispiel 3

Beispiel 4

Die Fassungen 3 und 4 sind beide zu Chopins Lebzeiten und mit seinem Einverständnis im Druck erschienen. In gewisser Weise sind daher beide „richtig“. Allerdings ist Version 4 Chopins letztes Wort zum Schluss der zweiten Ballade.

Dennoch: die 2. Ballade kann entweder mit Schluss 3 oder mit Schluss 4 enden. Diese Ausgangslage kann als typisch für Chopin bezeichnet werden: Es handelt sich um keinen Unfall in der Überlieferungsgeschichte, sondern Chopin nimmt in gewissen Grenzen Varianten in Kauf. Diese Varianten verantwortungsvoll zu dokumentieren, ohne der Beliebigkeit Tür und Tor zu öffnen – das ist die Herausforderung, mit der es eine Chopin-Urtextedition aufnehmen muss.

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